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Mein Land und die Flüchtlinge: Österreich

Je mehr Flüchtlinge dieser Tage nach Deutschland kommen, umso lauter und häufiger werden Bedenken geäußert. Viele haben das Gefühl, dass alle Flüchtlinge nach Deutschland wollen und auch alle aufgenommen werden. Da gibt es nur eins, was helfen kann: Der Blick über deutsche Grenzen in andere Länder. Unter dem Motto „Mein Land und die Flüchtlinge“ frage ich deshalb nach, wie andere Länder mit der Flüchtlingswelle umgehen und wie die Menschen dort dazu stehen.

Nadine wohnt in Wien und bloggt auf buntraum.at
Nadine wohnt in Wien und bloggt auf buntraum.at

Und wer könnte solche Fragen besser beantworten, als die Menschen, die in dem jeweiligen Land leben. Die ihren ganz normalen Alltag mit Kind und Kegel stemmen, die vielleicht mit gemischten Gefühlen auf die Politik ihres Landes schauen, sich zur Flüchtlingswelle so ihre Gedanken machen und auch mehr oder weniger aktiv werden. Den Anfang meine Interviewreihe macht Nadine, Bloggerin beim Buntraum. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, aber nun schon seit einigen Jahren in Österreich zu Hause.

Stell dich meinen Lesern kurz vor!
Ich bin Nadine, selbständige Familienbegleiterin und Spielraumleiterin, Autorin, Ehefrau und Mutter von bald drei Kindern.

Wo und wie lebst du?
Ich lebe mit meiner Familie in Wien in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt recht zentral im Stadtgebiet. Wir haben unsere eigene Wohnung im Haus, teilen uns aber mit den NachbarInnen, die wir alle kennen, verschiedene Gemeinschaftsflächen wie Kinderspielraum, große Gemeinschaftsküche, Bibliothek, Sauna und Veranstaltungsraum. Eine kleine nachhaltige Oase im sonst recht anonymen Stadtleben.

Was ist das Besondere an deinem Land, welche Eigenschaften würdest du den Einwohnern deines Landes zuschreiben?
Österreich ist klein und grundsätzlich von einem düsteren Humor getrieben. Österreicher sind (zum Glück) so verschieden wie alle anderen Menschen auch und ich könnte jetzt keine Eigenschaft nenne, die auf alle zutrifft. Prinzipiell herrscht aber in Österreich die unausgesprochene Einstellung „Ändern wird sich goar nix, weil sonst hättmas ja scho gmacht.“ Das gilt im Übrigen auch oder besonders für die Politik.

Inwiefern ist dein Land von der Flüchtlingswelle betroffen?
Wir sind im Prinzip ein Durchreisestaat. Immer, wenn Ungarn die Grenzen wieder öffnet, die Züge oder Busse fahren lässt oder die Flüchtlinge zu Fuß weiterwandern lässt, dann ziehen diese durch Österreich mit meist einem Ziel: Deutschland. Die wenigsten wollen bleiben, haben hier auch Angst, wieder nach Ungarn geschickt zu werden. Bisher sind anscheinend 21000 Flüchtlinge durch Österreich gekommen.

Wie hat die Regierung deines Landes darauf reagiert? Was hat sie im Bezug darauf noch geplant?
Die Regierung hat lange abgewartet. Sie haben sich lange nicht in den Camps blicken lassen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Erst vor einer Woche hat der Kanzler in Zusammenarbeit mit Kanzlerin Merkel beschlossen die Flüchtlinge rein und nach Deutschland durchreisen zu lassen.

Die Flüchtlingspolitik ist sehr träge hier im Land. Flüchtlinge landen vorerst in Aufnahmezentren, die mittlerweile große Lager sind. Von dort können sie Asyl beantragen und werden dann auf die Asylheime des Landes aufgeteilt. Dort sitzen sie, dürfen nicht arbeiten und warten ab. Sie bekommen ein Taschengeld, haben aber wenig Möglichkeit sich in die Kultur zu integrieren, da sie eben keine Arbeit haben. Viele von ihnen sind traumatisiert und kämpfen mit psychischen Problemen. Diese Situation kann je nach Flüchtling, Ursprungsland und Situation bis zu einigen Jahren dauern.

Wie reagieren die Menschen in deinem Land und in deinem Umfeld auf die Flüchtlingswelle?
Ich erlebe alles. bei uns im Haus ist eine wahrer Helferwelle ausgebrochen. Wir haben eine Spendensammelstelle im Foyer und täglich fährt jemand mit dem Auto voller Spenden zur ungarischen oder serbischen Grenze. Wir wollen im Haus gern eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen, auch wenn das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Gleichzeitig herrscht Sorge, was mit den vielen Flüchtlingen werden soll, wenn sie weiterhin keine Arbeitserlaubnis während des laufenden Asylverfahrens bekommen. Wie sollen sie integriert werden? Ein Leben leben können? In der Öffentlichkeit hingegen erlebt man allerlei Reaktionen, auch sehr viel Fremdenhass. In Österreich wohnt eine sehr breite rechte Masse, die von der Politik geschürt wird. Hier ist viel mehr öffentliche Fremdenfeindlichkeit möglich, als ich das von Deutschland kenne. Das erschreckt mich immer wieder sehr und macht mit ehrlich gesagt Angst.

Hat sich für dich persönlich etwas verändert und wie empfindest du diese Veränderungen?
Mich beschäftigt diese Sache im Alltag gerade sehr. Wenn ich durchs Foyer gehe und die Berge an Sachen sehe, wenn ich Spenden kaufe und das Gefühl habe, nur einen minimalen Beitrag zu leisten, diese Hilflosigkeit, nicht genug tun zu können. Mir hilft es gerade wieder ein wenig zu schauen: Was brauche ich wirklich? Was habe ich alles und wofür kann ich einfach so dankbar sein, weil es gerade so viele andere nicht haben? Es rückt die Perspektiven wieder ein wenig zurecht. Die Medien sind sehr vorsichtig zu betrachten, denn die Trolle sind überall. Wenn man einen guten Artikel liest, darf man nicht auf die Kommentare dazu schauen. Ich habe das Gefühl, dass alle die, die einen Hass haben auf die Flüchtlinge, auf die Fremden und auf die Hilfswelle, nichts anderes tun als im Internet zu sitzen und dort ihre Gedanken zu verbreiten. Weil sie sonst keine Möglichkeit haben, was zu tun, während alle anderen helfen. Die Regierung erlebe ich gerade kaum, sie scheint mir träge und gelähmt. Mir fehlt hier ein knackiges, gemeinschaftliches Europa.

Was wird sich durch die aktuellen Ereignisse für dein Land ändern?
Momentan scheint der Alltag beherrscht von Informationen und Diskussionen über die Flüchtlingswellen. Wie lange das noch so gehen wird, was wieder in Ungarn los ist etc. Daneben geht alles seinen Gang und vor allem in Wien drängelt sich der Wahlkampf zur Wiener Bürgermeisterwahl in den Vordergrund. Und ansonsten befürchte ich, dass sich wie immer „goar nix ändern wird, weil sonst hättmas ja scho gmacht.“

Welche Meinung haben die Menschen deines Landes über Deutschland in diesen Tagen?
Da waren die besorgten Blicke nach Heidenau und auf die Ausschreitungen. Das ist der Unterschied zwischen der rechten Masse in Deutschland und der in Österreich. Die Deutschen sind radikaler, extremer im Handeln. Sie tun einfach. Die Österreicher, die faseln und infiltrieren andere. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Darüber hinaus herrscht die Meinung, dass Merkel die Flüchtlinge eigenmächtig und ohne Absprache an sich reißen würde.

Was wünscht du dir für dein Land? Was wünscht du dir für die Flüchtlinge in deinem Land?
Ich wünsche mir klarere politische Statements und vor allem von politischer Seite her mehr Aktion gegen die braune Masse. Ich wünsche mir mehr Aktion in Richtung wirkliche wahre Integrationsmöglichkeiten der Flüchtlinge, Arbeitserlaubnis zum Beispiel.

Und übrigens: Wie werden eigentlich Einwanderer aus Deutschland aufgenommen?
Wir sind die Piefke. Wir reden komisch, wir stürmen ihre Unis, aber wir leben die gleiche Kultur und somit sind wir integriert und willkommen.

Hier trifft man Nadine im Internet:
Blog: www.buntraum.at
Twitter: @Buntraum
Facebook: Buntraum
Instagram: @buntraum

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