Ich hasse diesen Körperwahn

Der Körperwahn macht uns alle verrückt. Die einen, weil sie ihm verfallen sind, die anderen, weil uns nichts anderes mehr umgibt. In der Glotze, im Supermarkt und im Gespräch mit Freunden – überall geht es ums Körperliche. Und wenn man nur darüber redet, wie verrückt das alles inzwischen geworden ist. Ich habe es selber satt, aber komm nicht dagegen an.

Wider den Körperwahn

©Markus Hein / pixelio.de

Was uns von den Titelblättern der Zeitschriften und aus den Werbeblöcken in der Glotze so entgegenlächelt, hat nichts mehr mit der Realität zu tun. Die Gesichter sind glatt, jede Augenbraue an seinem Platz und selbst Falten perfektioniert. Dass dabei die Gesichtsfarbe an orange Luftballons oder Omas gutes Porzellan erinnert, ist vollkommen egal. Solange das V-Kreuz im Anzug gut sichtbar und weibliche Rundungen im Abendkleid unsichtbar werden zumindest.

Ach und vergessen wir bloß die Haare nicht. Dass mir da ja keine Strähne aus der Reihe tanzt. Das könnte ja glatt menschlich wirken. Was nur auf Regie-Anweisung hin erlaubt ist. Um genauso auszusehen, dürfte man eigentlich gar nicht arbeiten gehen oder Kinder haben. Beides stresst viel zu sehr. Das gibt Augenringe, unreine Haut und eine schlechte Körperhaltung.

Abgesehen davon braucht der Körperwahn auch Zeit. Die hab ich nicht. Dafür Appetit. Und davon mehr als genug. Genauso wie ich dann vom schlechten Gewissen mehr als genug habe. Weil Speckrollen, üppige Oberschenkel und ein Doppelkinn zu den Augenringen und unbändigen Haaren gleich doppelt so Sch..ße aussehen. Sagt mir die dumme Stimme jedenfalls immer, wenn ich in den Badezimmer spiegel schaue. Oder beim Shoppen in der Kabine versuche in die übliche Größe 42 bzw 44 hinein zu kommen.

Klar, ich könnte dem Körperwahn wenigstens ein bisschen mehr verfallen und versuchen, abzunehmen. Gesunde Ernährung und Sport sind die beste Methode, habe ich schon ausprobiert. Bei mir beschränkt sich das zeitbedingt auf FDH (Friß Die Hälfte) und die abendliche Runde auf dem Stepper. Klingt nach Ausrede? Stimmt. Der Leidensdruck ist nicht groß genug, um mich ernsthaft drum zu kümmern, Kindersitter für 3 x Fitnessstudio die Woche zu sorgen und mir meine Nervennahrung anders als mit Süßem einzuverhelfen.

Hut ab deshalb vor denen, die ihre Pfunde richtig purzeln lassen. Und damit komme ich zu einer Frau, die 78 Kilo in vier Jahren abgenommen hat. Wahnsinn! Das hat sogar eine Zeitschrift beeindruckt, die sich hauptsächlich mit dem Formen des eigenen Körpers beschäftigt. Also eine, die den Körperwahn zu ihrem Geschäft gemacht hat. Klar, das ist für die ein gefundenes Fressen für eine Erfolgsstory. Zumindest, solange die Protagonistin macht, was man ihr sagt.

In diesem Fall heißt das: Sie sollte ihre Geschichte erzählen, aber nicht das Ergebnis zeigen. Denn wer 78 Kilo verliert ist zwar dünner geworden, hat aber auch zu viel Haut an sich herumhängen. An den Armen zum Beispiel. Und faltige Hautlappen am Bauch. Und Dellen an den Oberschenkeln.

Das sollten die Leser der Zeitschrift dann aber doch nicht sehen. Weshalb man Brooke Birmingham dazu überreden wollte, nicht im Bikini, sondern im Tshirt fürs Foto zu posieren. Nun ist besagte Zeitschrift voller Körper, die vielleicht glatter, aber eben auch nicht mehr bekleidet sind, als Brooke in ihrem Bikini wäre.  Weshalb Brooke eben darauf bestand, sich genauso halbnackt zu zeigen.

In ihrem Blog brookenotonadiet.com kann man den Schriftwechsel nachlesen, der daraus folgte und schließlich dazu führte, dass Brooke die ganze Story absagte. Gut gemacht! Anders wäre es nur eine halbe Erfolgsstory gewesen. Denn was nützt es, abzunehmen und am Ende mit seinem Körper nicht zufrieden zu sein? Brooke ist offensichtlich mit ihrem Körper zufrieden, denn sonst hätte sie ihn wohl kaum derart öffentlich zeigen wollen.

In der Zeitschrift bzw auf deren Webpräsenz ist sie damit nicht gelandet. Dafür verbreitet sich das Foto von ihr im Bikini mit Hängearmen, Bauchfalten und Oberschenkeldellen gerade ganz von allein als echt gute Geschichte im Netz. Ich habe den Mut dafür mit meinem Körper nicht. Danke dafür, liebe Medien und liebe Schönheitsindustrie. Haut mir endlich ab mit eurem Schönheits- und Körperwahn!

Kategorie Dies+Das
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.