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Herz aus Blei

Gestern war ein Tag wie jeder andere. Früh raus, Kinder in Kita und Schule abgeliefert, auf Arbeit gehetzt und den üblichen Kram vor der Nase. Also eigentlich nichts dabei, was mich aus der Bahn werfen könnte. Trotzdem wurde mein Herz plötzlich tonnenschwer. Und ich habe mal wieder eine ganze Weile gebraucht, um heraus zu finden, was eigentlich passiert war, warum ich ohne ersichtlichen Grund in dieses schwarze Loch sackte. Aber es gab ihn doch diesen Grund. Und es gibt ihn schon sehr lange.

©sabine koriath/ <a href="http://www.pixelio.de/media/497544" target="_blank">pixelio.de</a>
©sabine koriath/ pixelio.de

Der Tag begann mit dem üblichen Chaos. Die Tochter suchte vergeblich ihr Sportzeug, der Junior trödelte erst beim Anziehen und später beim ins Auto steigen. Und auf der Autobahn rettete mich nur eine beherzte Bremsung vor einem Sidekick in die Leitplanke. Alles wie immer bei den Kindern und am Schkeuditzer Kreuz. Auch auf Arbeit passierte nichts besonderes.

Bis mir das Herz mit Macht und Gewicht in die Kniekehlen sackte. In nicht mal 140 Zeichen ausgedrückt, ließ sich das so formulieren:

Blei
Tweet vom ©Tulpentopf

Ich konnte allerdings nicht einmal sagen, wo dieses Gefühl herkam. Denn eigentlich geht es uns ja derzeit ganz gut. Kaum Geldsorgen, alle halbwegs gesund, ein eingespielter Alltag und gar nicht mal so selten Zeit für ein gutes Buch. Trotzdem hätte ich mich sofort und auf der Stelle verkriechen wollen. Bettdecke über den Kopf, zusammenrollen wie eine müde Katze und erst wieder aufstehen, wenn dieses Herz da nur noch ein paar fluffige Gramm wiegt.

Mir fiel sogar ein, was helfen könnte:

Schoki
Tweet vom ©Tulpentopf

Geht nicht und gibt es nicht. Ich hab ja nicht mal mehr eine Oma. Stattdessen hieß es weiterarbeiten, danach in die Kita hetzen, den Junior antreiben, weiter zum Hort, die Tochter antreiben, den Junior zur Oma und die Maus zum Tanzen bringen. Als die ihre ersten Dehnübungen machte, ging ich zum Einkaufen. Und kam in einen Platzregen mit Sturmböen. Kommt davon, wenn man das Auto mal ein Stück weiter weg parkt, um nicht wegen 500 Meter einen Parkplatz suchen zu müssen.

Aber als das fiese kalte Nass mir in den Nacken lief wurde mir plötzlich sehr klar, was denn nur los war mit mir. Es ging nicht um die Prolls mit den dicken Autos, die mir auf der Autobahn lustiges Fahrspur-Hopping betrieben. Auch nicht um die tausend Kunstwerke, die der Junior mir vor, während und nach dem Anziehen unbedingt zeigen musste. Und auch nicht um den Riss in den neuen Winterstiefeln der Tochter oder das fehlende zweite Tanzschläppchen.

Es ging schlicht um mich. Ich hatte eigentlich alles im Griff, war (und bin) für alle und alles mögliche da. Manchmal sogar für mich selbst, wenn ich mir den Film im Kino, die neue DVD oder einen ausgiebigen Ausflug in die Badewanne gönne.

Aber es gibt niemanden, der für mich da ist.

Klar, da sind die Eltern, Ex-Schwiegereltern, Freunde, Arbeitskollegen. Ich muss nur fragen, wenn ich Hilfe brauche und bekomme sie auch. Aber wenn es mir gut gehen soll, muss ich mich selbst darum kümmern. Es gibt auch niemanden, dem ich einfach mal die Zügel in die Hand drücken kann und sagen: „Mach du mal, ich komm gleich nach.“ Es ist niemand da, der das von sich aus für mich tut. In dessen Aufgabenbereich das fallen würde. Und das nicht erst seit gestern.

Ich habe mich daran gewöhnt. Ich mache es einfach. Seit langem. Vielleicht sogar seit viel zu langer Zeit. Denn ich erinnere mich, dass mir ein zwei Tage vor diesem Gemüts-Absturz jemand eine Frage stellte, die schwer wiegt und seitdem in mir nachhalt: „Fünf Jahre allein – wie hält man das aus?“

Ich weiß es gerade auch nicht.

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ommentare

  1. Ach, Schatz! Das fiel mir ein, als ich deinen Eintrag las und ich hoffe, es ist okay, wenn ich diese persönliche Anrede verwende. Ach, Schatz, weißt du denn eigentlich wie viel du schaffst, was andere nicht mal im Team auf die Reihe bekommen? Weißt du denn nicht wie großartig du bist, den Alltag, den Job, die Kinder zu bewältigen, wovor so viele Menschen zurück schrecken, weil sie feige sind? Du bist es nicht. Du machst, weil es wichtig ist, dass du es machst. Du machst es für dich und deine Kinder. Aber nimm dir doch mal eine kurze Auszeit. Frag deine Eltern, ob sie auf die Kids aufpassen können und geh alleine einen Kaffee trinken. Nur für dich. Ganz allein. Zum Durchatmen und den Nachbarn anzulächeln. Einfach so. Versuchs. Es fühlt sich gut an.
    Ich wünsch dir alles Gute sagt eine, die diese Löcher auf andere Art und Weise kennt.
    Nicole

    1. Liebe Nicole,
      ich habe Auszeiten… alle zwei Wochen für zwei Nachmittage. Die ich für Sachen nutze, die mir gut tun: Kino, lesen, Freunde treffen.
      Momentan scheint das nicht zu reichen. Momentan fehlt ganz massiv der, der mich am Ende eines Tages in den Arm nimmt.
      Und dabei größer als 1,50 m ist. Es wär schön, wirklich mal die Zügel abgeben zu können, zu folgen, statt vorneweg zu nrennen und den Laden allein zusammen halten zu müssen.
      Ich hoffe auf die Kur, die wir Ende Januar machen werden. Danach habe ich hoffentlich weniger Baustellen oder zumindest die richtigen Instrumente, dass es leichter wird.
      Für den Moment kann ich nur auf meine Kraft vertrauen, dass ich mich aus diesem Loch wieder selbst zu befreien.
      Wäre ja nicht das erste Mal.

      Danke für deine lieben Worte.
      Tina

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