Das wirklich Schlimme an den Bundesjugendspielen

Sport war nicht wirklich mein Lieblingsfach. Meine Erfolge auf diesem Gebiet sind mager. Kreismeister im Kegeln und einmal Siegertreppchen beim Crosslauf unserer Schule. Letzteres ein Zufall, der wohl selbst die Lehrer überraschte. Aber das war damals nicht so schlimm. Heute wäre es eine Katastrophe.

©Albrecht E. Arnold / <a href="http://www.pixelio.de/media/259216" target="_blank">pixelio.de</a>

©Albrecht E. Arnold / pixelio.de

Bundesjugendspiele sind Sportspiele mit Wettkampf-Charakter für Schüler. Wenn die Schule für diese bundesweite Aktion zusagt, muss jeder Schüler ran. Egal, ob er will oder nicht. Und egal, ob er sportlich ist und halbwegs kann – oder eben nicht.

Machen wir uns nichts vor: Jeder hat mindestens eine Sportart, bei der er es zu nichts bringt. Viele können da gleich mehrere aufzählen. Zu der Sorte gehöre ich auch. Das war in meiner Kindheit schon doof, heute ist es ein Weltuntergang.

Ich meine das keineswegs ironisch. Denn wo damals gehänselt wurde, wird heute schikaniert. Wo man damals recht schnell wieder zum Tagesgeschäft übergegangen ist, wird heute nochmal ordentlich und mehrfach nachgetreten.

Kann sein, dass ich in der DDR der Achtziger Jahre behüteter aufgewachsen bin. Aber für den Sozialismus waren überragende Leistungen Ehrensache und jede Nichtleistung eine Rebellion zu Gunsten des kapitalistischen Feindes. Wie kommt es also, dass in unserem freiheitlich demokratischen Land der Misserfolg zum persönlichen Desaster werden kann?

Wie kann es sein, dass das Versagen in einem Teilbereich des Lebens zum Psychotrip wird? Noch dazu auf einem Gebiet, dass für den beruflichen Werdegang quasi keine Bedeutung hat. Wer im Weitsprung keine anderthalb Meter schafft und sich den Ball immer fast auf den eigenen Füßen haut, kann später trotzdem zum beruflichen Überflieger mutieren.

Vorausgesetzt, er hat ein dickes Fell. Mit dem er die Schmähungen von seiner Seele fernhalten kann. Denn einmal mehr zeigt sich bei den Bundesjugendspielen, dass unsere Gesellschaft nicht unbedingt nach Leistung verlangt. Sie verlangt rigoros nach einer harten Schale.

In unserer Gesellschaft muss man „etwas abkönnen“. Es geht nicht darum, wie weit du springst, wie schnell du läufst oder wie weit du den Ball werfen kannst. Es geht darum, wie du deine Leistung verkaufst und ob du dich so weit einigeln kannst, dass jedes abfällige Wort von dir abperlt.

Die Devise ist nur oberflächlich betrachtet ein „Zeig was du kannst und sei der Beste“. Dahinter steht inzwischen viel deutlicher ein „Stell dich nicht so an“, wenn es nicht nach Plan läuft. Und ein „Sei wie die anderen oder du bist weniger wert“.

Das ist fast noch schlimmer. Denn es zeigt, dass niemand mehr länger als einen Wimpernschlag hinschaut, wie der erwartete Erfolg überhaupt zustande kam – oder eben nicht. Immer mehr Lehrer, Trainer und Eltern schauen nur noch auf Noten, Medaillen, Urkunden. Kaum einer nimmt sich die Zeit, sich den Weg dorthin anzuschauen.

Wer bejubelt die lahme Ente, die bei dieser Pflichtveranstaltung „Bundesjugendspiele“ ihre persönliche Bestzeit läuft? Sie wird ausgelacht, weil sie dreimal überrundet wird. Wer nimmt den persönlichen Triumph wahr, wenn der mit den schmächtigsten Armen zum ersten Mal zehn Meter weit wirft? Er wird verspottet, weil Körper und Wurf nicht dem Ideal entspricht.

Die Bundesjugendspiele wären kein Problem, wenn sie die Individualität leisten würden, die wir in unserem freien Land so propagieren. Das Training für diese Wettkämpfe hätte einen Sinn, wenn es nicht (nur) um den Vergleich mit tausenden anderen Kindern ginge.

Stattdessen könnten sie der Tag X sein, an dem man individuell schaut, wie weit der Einzelne es seit den letzten Bundesjugendspielen gebracht hat. Dann wäre meiner Meinung nach der Pflichtcharakter nicht so tragisch, da jeder einzeln und für seine Bemühungen wertgeschätzt würde. Die Bundesjugendspiele gehören meiner Meinung nach also nicht abgeschafft, müssen aber in ihrer Art und Weise erneuert werden.

Auch wenn ich die Petition gegen die Bundesjugendspiele von Christine, Bloggerin bei Mama arbeitet, so wie sie ist nicht unterschreiben mag: Auch ich sehe sie in ihrer aktuellen Form als pauschalisierte Pflichtveranstaltung als falsch an. Genau dieses Pauschalisierte ist der Punkt, der sich mit unserem Ideal von der Gesellschaft beißt. Angeblich zählt der einzelne Mensch mit seiner Persönlichkeit und dem Recht auf deren freier Entfaltung. Warum also nicht auch hier?

Und wenn wir schon beim Ideal sind, dann doch bitte mit Wertschätzung des einzelnen Teilnehmers. Dafür, dass er sich der Herausforderung gestellt hat. Dafür, dass er nicht so tut, als ginge ihn das ganze Sportgedöns nichts an. Auch wenn die Einzelleistung Lichtjahre vom Ergebnis der Besten entfernt ist, verdient jede individuelle Verbesserung Wertschätzung. Und wenn auch das nicht klappt, helfen aufmunternde Gesten und Worte. Für mehr „Dabei sein ist alles“. 

Kategorie Dies+Das, Leben
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

2 Kommentare

  1. Avatar

    Bravo, Tina – danke für diese sehr reflektierten Worte zu einem Thema, das mir aus den gleichen Gründen wie den von Dir genannten wirklich aufstößt. Nichts gegen Sport, nun wirklich nicht, nichts gegen die BuJu-Spiele an sich, aber ich finde diese: „Man muss hart sein und alles abkönnen“-Mentalität erschreckend. Nicht jeder kann so reagieren, wenn er u. U. ausgelacht wird, und das finde ich eigentlich eher beruhigend, zeigt es doch, dass es auch durchaus sensible Menschen gibt, denen das eigene Versagen nicht an einem gewissen Körperteil vorbeigeht, auch wenn es sich um eine Leistung handelt, die auf den weiteren Lebensweg eher weniger Auswirkungen hat, zumindest beruflich gesehen (es sei denn, man will Sportlehrer werden oder sonst etwas mit Sport machen).

    Erstaunlich finde ich, dass sehr viele Kinder in Watte gepackt werden, dann aber auf einmal eine Härte demonstrieren sollen, die man ihnen möglicherweise gar nicht vermittelt hat. Wie soll das gehen? Und warum geht niemand auf unterschiedliche Wesenszüge ein, wenn es um diese Diskussion geht? Da argumentieren Eltern auf krudeste Weise, die Kinder würden dadurch, dass sie als Verlierer dastehen, abgehärtet – das stimmt doch nicht pauschal! Nicht jedes Kind, auch nicht jeder Erwachsene, ist in der Lage, nach einer niederschmetternden Erfahrung: „Jetzt erst recht!“ zu sagen. Das heißt auch nicht, dass Menschen, die dazu nicht in der Lage sind, generell labil seien – vielleicht sind sie nur besonders sensibel oder unsicher. Oder beides. Einen unsicheren Menschen wird man mit Auslachen sicherlich noch unsicherer machen. Aber ich habe in verschiedenen Diskussionen mitbekommen, dass manche Leute allen Ernstes die Meinung vertraten, solch sensible Menschen seien „charakterschwach“, wenn sie nicht über dem Ausgelachtwerden stünden! Hallo? Ist es denn charakterstark, jemanden auszulachen, der sein Bestes gegeben hat, aber trotzdem versagte? Ist es denn ein Ausdruck von Charakterstärke, einen Schwächeren auszulachen und nachzutreten? Wohl kaum. Ich muss gestehen, ich war über diverse Aussagen dieser Art wirklich entsetzt, weil sie besagten, dass der, der vermeintlich stärker sei, alles Recht der Welt hätte, auf Schwächere quasi noch einzutreten. Eine „schöne“ Definition von „Charakter“ haben wir da!

    Ich danke Dir für diesen Beitrag, der mich mehrfach begeistert nicken ließ.

    Viele Grüße,
    Almut

    • Tulpentopf
      Tulpentopf

      Liebe Almut,
      vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar, der meine Ansichten und Beobachtungen sehr gut widerspiegelt. Ich weiß manchmal gar nicht mehr, wie ich meine Kinder gegen solche „Der Sieger darf alles“ stark machen soll. Dabei sind meine Kinder Sportskanonen – aber eben auch sensibel und mit einem idealistischen Gerechtigkeitssinn gesegnet. Oder geschlagen, wenn man sich ansieht, was heute akzeptiert wird. Einsatz für die Schwächeren ist jedenfalls verpönt. Da verhätschelt man die ja! Dabei sind es doch gerade die vermeintlich Schwachen, die uns zeigen, dass wir das Menschliche nicht aus den Augen verlieren dürfen.

      Liebe Grüße und von Herzen Danke
      Tina

      PS: Wie sehr ich mit dir übereinstimme siehst du übrigens an diesem Artikel hier: Kinder, die nichts leisten müssen

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