Das Walken an der Nordsee und ich

MeinTherapieplan bei der Mutter-Kind-Kur hielt viele abwechslungsreiche Termin für mich bereit: Massage, Wassergymnastik, Beckenbodentraining und Progressive Muskelrelaxation. Trotz Muskelkater und Neulandgefühl ging ich überall hin und machte brav mit – nur nicht beim Walken an der Nordsee.

Walken an der Nordsee und ich ©Tulpentopf-Tina

Walken an der Nordsee und ich ©Tulpentopf-Tina

Der Termin stand für den Donnerstag an – als einziger an diesem achten Tag unserer Kur. Er war etwas, das mir schon aus dem Therapieplan heraus Respekt einflößte. Dafür gab es mehrere Gründe. Zum Beispiel hatten wir bisher genau zehn Minuten am nächstgelegenen Grünstrand der Nordsee zugebracht und uns dann vor dem scharfen und kalten Nordseewind nach Husum vertreiben lassen.

Das Walken an der Nordsee war mit 120 Minuten für mich kein „Brett“ im Terminplan, sondern ein „Balken“. Rechnete man 15 Minuten Fahrt für jeweils hin bzw. zurück ab, blieben noch satte 90 Minuten fürs Walken. Die bisherigen Walkingrunden im Dorf waren bisher nur halb so lang gewesen. Schon dabei war ich den Sportmamas hinterhergehechelt.

Zumindest war das mörderische Tempo der Vorneweg-Mamas gar nicht meins und ich bildete mit den Kannnichtsoschnell-Mamas die Nachhut. Und das bei Windstille, frühlingshaften Temperaturen und Sonnenschein. Wie sollte das dann erst bei Gegenwind und Kälte werden, wenn es außerdem doppelt so lange dauert? Und was zur Lachmöwe sollte ich dafür anziehen?

Dann hatte ich am Tag vor diesem Walken an der Nordsee ein Einzelgespräch mit meiner Bezugstherapeutin. Wir sprachen über den Druck, alles mitnehmen zu wollen, was so geht. Um die Zeit der Mutter-Kind-Kur optimal zu nutzen. Also Spiele satt Handy, Basteln statt Fernsehen, Kontakte knüpfen statt Lesen, Sport ausprobieren statt Sofasurfen. Und natürlich Gegend angucken, weil wir dafür schließlich 550 Kilometer gefahren sind.

Und was sagt ihr Bauchgefühl?

Eine einfache Frage, die gleich mehrere Antworten und Entspannung brachte: Dass nämlich die Kinder von 8 bis 17 Uhr in Schule und Betreuung bereits sinnvolle Beschäftigung haben und gern dort sind. Dass mich das Herumhantieren mit Farben, Sägen und Bügelperlen gerade wahnsinnig machen würde. Dass es mich stressen würde, mich zu dem Pulk von Mamas am Teehaus zu gesellen, weil ich dann zuhören, erzählen, wirklich anwesend sein müsste.

Dass ich Wassergymnastik mag, aber das Walken an der Nordsee mich nur nervös und unsicher macht.

Klare Ansagen, wenn man so will. Also warum nicht auf sie hören? Kein Stress, um die Zeit mit den Kindern pädagogisch wertvoll zu gestalten. Kein Stress, um unbedingt Anschluss zu finden, der vielleicht nicht mal die drei Wochen übersteht. Kein Stress, Sport zu machen, der mich schon vorher fertig macht wie ein Muskelkater – nur eben in Kopf und Seele.

Also stiefelte ich los und sagte dieses Walken an der Nordsee an der Rezeption einfach ab. Ein einfaches „Das ist nichts für mich“ genügte und schon hatte ich Ruhe. Wirklich Ruhe. Also innerlich wie äußerlich. Dass es so einfach wahr, den Termin abzusagen, nahm den eben noch akut verspürten Druck raus. Ich fühlte mich wie ein Segel bei Flaute direkt nach einem Sturm. Fertig mit der Welt, aber eben auch erleichtert.

Ein „Alles wird gut“ hüpfte in meinen Kopf. Und endlich glaubte ich mal wieder daran.

Nachtrag:
Eine Woche später stand dieses Walken an der Nordsee wieder auf dem Terminplan. Weil es mir besser ging hab ich das einfach mal mitgemacht. Bei Kälte, Gegenwind und auf leicht schrägem Betonweg – natürlich weit abgeschlagen hinter den Supersportmamas. Ich habe es gehasst. Ich sollte also konsequenter beim Nein bleiben.

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