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Aus die Maus: Ein Jobwechsel auf der Yogamatte

„Spür nach“, fordert uns die Yogalehrerin auf. Und das tue ich. Allerdings spüre ich nicht der letzten Verrenkung nach, sondern meinem letzten Arbeitstag. Der war vor knapp zwei Stunden zu Ende und ist doch noch nicht zu mir durchgedrungen.

Vier Jahre und ein halbes sind vorbei. Vier Jahre lang habe ich Unterwäsche für Erwachsene im Internet beworben. Unterwäsche und noch so einiges mehr, von dessen Existenz und kaufkräftiger Beliebtheit ich vielleicht lieber nichts gewusst hätte.

Diese viereinhalb Jahre waren voller WTF?-Momente. Dessous, bei denen man nicht wusste, was oben und unten ist. Oder wie man sich da bitte überhaupt reinbasteln soll. Dicke Sachen, die in dünne Öffnungen geschoben werden, stinkende, die angeblich duften, seltsam verbogene, die das Liebesleben wieder gerade biegen sollen.

Gerade biegen musste ich da ein ums andere Mal auch mein Weltbild. Und das lag nicht nur an den Dingen in unserem Lager, die auf wundersame Weise eine große Fangemeinde haben. Nein, auch meine Vorstellung vom Verhältnis Chef und Angestellter war davon betroffen.

„Es kann keinen Streit zwischen Stiefel und Ameise geben.“

Diesen Satz sagt Loki in Marvels „Avengers“. Er passt aber auch wie die Faust aufs Auge zu meinen Erfahrungen in diesem Unternehmen.

Bezahlt wurde ich fürs Ideen haben. Logisch sind da mal welche dabei, die es schon gab, die nicht funktioniert haben, die nicht zum Unternehmen passen, gewagt sind, nur Spaß machen, aber keine direkten Verkäufe generieren oder Geld kosten.

Aber im Shop mit allem für alle ging das nicht. Wenn es Geld kostet, kommt bitte schön auch etwas rein. Wenn es Spaß macht, muss es größer sein, als das was andere tun. Und wenn es das bei uns schon gab, erfuhr ich das zwischen Tür und Angel.

Genauso, wie ich Kritik zu hören bekam. Tür auf, drei Sätze mit der eindeutigen Botschaft, Mist gebaut zu haben, Tür wieder zu. Wahlweise gab es auch die Variante per Telefon.

Und das blieb nicht ohne Folgen.

Anfangs war da Motivation. Dann der Kampf gegen das „Funktioniert eh nicht, wie du dir das denkst“. Dann die Resignation und Dienst nach Vorschrift. Innere Kündigung nach jedem Zusammenprall, ruhiges Herumdümpeln, solange der Chef sich nicht blicken ließ,

Bis die erste aus unserer Filterblase das Handtuch warf. Die Filterblase, dass war unser Büro mit uns vier Mädels. Svenja, Anna, Eva und ich. Eine unerwartet lustige, verständnisvolle, wohltuende Gemeinschaft, die über vieles hinweg half. Die mich jeden Morgen wieder antreten ließ.

Als sich diese Gemeinschaft aufzulösen begann, war es vorbei. Ein weiterer Zusammenstoß mit dem Chef reichte, damit auch die letzte Komfortzone in diesem Job futsch war. Aber man bekommt ja auch nicht jeden Tag die betriebsbedingte Kündigung unter die Nase gerieben, wenn man einen konstruktiven Vorschlag macht.

Es kam die Angst vorm Telefon. Wenn es klingelt, könnte wieder der Chef dran sein. Wie gelähmt saß mich manches mal vor der Tastatur und musste mich körperlich überwinden, irgendetwas für die Firma tun zu müssen. Dazu Schlafstörungen, Bauchschmerzen, Herzkasper, Frustfressen.

„Lass dich nicht anmeckern.“

Mit diesen Worten verabschiedete mich meine Tochter mehr als einmal vor dem Weg zur Arbeit. Mehr brauchte es dann nicht, um endlich aktiv nach einem anderen Job zu suchen. Und die Suche dauerte nicht lang.

Nach den Herbstferien fange ich neu an. In einem Job, bei dem nur die Fakten zählen und ich genau weiß, was von mir erwartet wird. Ein Job mit echtem Feierabend, einem Job also, den ich nicht mit nach Hause nehme. Mit echter Gleitzeit, echtem Zeitkonto und echtem Urlaub.

„Spür nach.“ 

Wie geht es mir damit? Ich bin entspannt wie lange nicht. Als hätte jemand den Stecker gezogen und damit drölfzig klimpernde Geräte auf einmal zum Schweigen gebracht. Als wären alle 3462 Strippen, die an mir gezerrt haben, auf einmal gerissen.

Ungläubig liege ich auf meiner Yogamatte. Das ist also vorbei, geht mir durch den Kopf. Und ich wachse, als würde sich mein Inneres so dehnen wie eben noch die Waden bei der Yoga-Übung. So geht das also. Schön.

Für meine Freaky Friday Mädels! Wehe, ihr verschwindet im Nirvana! Ich hab euch lieb.

 

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ommentare

  1. Es ist unglaublich, wie sehr sich unsere Geschichten gleichen bzw. meine Empfindungen vor zwei Jahren deinen von jetzt, gerade in Richtung Bauchschmerzen und Schlafstörungen, oder dem Kind (in meinem Fall Mitbewohner und der Freund), das ungefragt tröstet, statt einfach nur ’nen angenehmen Arbeitstag zu wünschen, wie es eigentlich sein sollte.

    Und es tut gut, deinen Text hier zu lesen – auch und vor allem als Bestätigung, dass ich mir das alles damals nicht eingebildet habe oder zu zart besaitet bin.
    Von nun an geht es nur nach oben! 🙂

    Alles Gute dir im neuen Arbeitsleben
    wünscht dir, von Herzen,
    die nullte Handtuchwerferin ^^

  2. Hallo C.,
    es freut mich richtig, dass du hier mitliest.
    Und ja, am Anfang habe ich die Fehler wirklich bei mir gesucht. Gedacht, dass ich froh sein sollte, überhaupt einen Job zu haben. Und dann kam die Zeit, in der ich zugesehen habe, dass ich unterm Radar mitfliege. Nur nicht auffallen. Irgendwann geht auch das nicht mehr.

    Eingebildet haben wir uns das sicher nicht. Wir sollten die Handtücher allerdings nicht nur werfen, sondern gleich verbrennen – und auf der Asche tanzen.

    Bis bald mal wieder!
    Tina

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