Film: „Hüter der Erinnerung – The Giver“

Was wäre, wenn wir in einer Welt ohne Emotionen leben würden? Einer Welt, in der unser Leben von der ersten bis zur letzten Minute vorbestimmt wäre und wir keine Erinnerungen an das ganze „normale Chaos“ hätten, das uns heute umgibt? In „Hüter der Erinnerung“ ist eben dieser der einzige Mensch, der Emotionen und Erinnerungen hat und den Wert der Liebe kennt. Nun soll er seinen Nachfolger ausbilden und bald schon stellt sich die Frage, ob nicht alle wieder fühlen und erinnern können sollten.

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Zum Inhalt:
Nach dem großen Untergang leben die Menschen leben in Familieneinheiten, durchlaufen drei Phasen vorbestimmten Lebens und werden dann nach Anderswo verabschiedet. In der ersten Phase sind sie Babys und wachsen rundum behütet mit festen Ritualen in der ihnen zugeteilten Familieneinheit auf. In der zweiten Phase werden sie auf ihre Rolle als Erwachsener vorbereitet und in der dritten schließlich werden sie ausgebildet und füllen eben diese Rolle aus.

Jeder hat eine bestimmte Aufgabe: Es gibt Gentechniker, Lebensmittelforscher, Landschaftsgestalter, Lehrer, Kinderpfleger, Piloten und andere recht normale Berufe. Einige Frauen sind dazu bestimmt, für Nachwuchs zu sorgen, die Gebährenden. Ist ein Baby kräftig genug, wird es einer Familie zugeteilt. Sind si zu schwach, werden sie nach Anderswo freigegeben.

Echte Familien gibt es nicht. Genauso wenig wird über Emotionen gesprochen. Außerdem erhalten die Menschen jeden Morgen eine Injektion, die Erinnerungen löscht, Gefühle unterdrückt und Farben verschwinden lässt,. so dass alle irgendwie gleich aussehen. Niemand soll sich besonders hervorheben können, niemand sich zurückgesetzt fühlen.

Farben kann nur der Hüter der Erinnerung sehen. Er weiß auch, was Elefanten sind und was Weihnachten ist. Er weiß, welches Glück im Lachen des eigenen Kindes liegt, oder in einer schönen Melodie, die auf einem Klavier gespielt wird. Er kennt die Liebe, aber auch den Verlust. Verlust, der durch Kriege verursacht wird. Oder auch durch die Verabschiedung nach Anderswo, die nichts weiter als die Tötung durch Giftspritze ist.

Im Gegensatz zu den anderen Menschen weiß er, was sie tun, wenn sie schwache Babys nach Anderswo schicken. Er weiß, wozu Menschen fähig sind – im Guten wie im Bösen. Und er soll sein Wissen und seinen großen Erfahrungsschatz mit all den guten und schlechten Erinnerungen an seinen Nachfolger weitergeben: an den 16jährigen Jonas. Doch der reagiert auf das neue Wissen ganz und gar nicht so, wie es von den Ältesten gewünscht ist und bringt damit alle in Gefahr. Vielleicht bedeutet aber genau das ein besseres Leben.

Meine Meinung:
„Hüter der Erinnerung“ ist einer jener Filme, die ich nur durch Zufall gesehen habe. Er hat mich sehr positiv überrascht, auch wenn er nicht frei von Widersprüchen ist. Dazu aber später. Zunächst einmal muss ich sagen, dass es wirklich ein cleverer Schachzug war, die genormte Gesellschaft, in der die Menschen leben, in Graustufen zu zeigen. Farben können nur der Hüter der Erinnerung (Jeff Bridges) und sein Nachfolger Jonas (Brenton Thwaites) sehen.

Natürlich ist Jonas davon mehr als verwirrt, denn für alle anderen sieht die Welt einfach weder besonders schön noch besonders hässlich aus. Dass er die Welt anders sieht als seine Freunde stachelt seine Neugier an. Die wird von seinem Lehrer eher noch gefüttert als im Zaum gehalten, was den alten Herrn wirklich sympatisch macht. Meryl Streep als strenge Älteste spielt ihre Rolle übrigens genauso gut wie Katie Holmes als regelkonforme Mutter von Jonas.

Nach und nach bekommt der Zuschauer mehr Farbe zu sehen, denn Jonas hat die morgendlichen Injektionen abgesetzt und beginnt dadurch die Welt so zu sehen, wie sie ist. Und er entdeckt die unterdrückten Gefühle, die es zwischen Menschen nun einmal gibt.

Genau an dieser Stelle ist dann auch der Widerspruch: Dass in einer gefühlsbefreiten Welt weder Liebe noch Hass vorkommen, ist klar. Aber Stolz, Eifersucht und freundschaftliche Zuneigung sind offensichtlich dennoch möglich. Es ist den Menschen nämlich nicht verboten, stolz auf die Mitglieder ihrer Familieneinheit zu sein. Jonas Freund ist offensichtlich eifersüchtig auf Jonas Verhältnis gegenüber Fiona. Und letzten Endes bewirkt die Freundschaft doch, dass die drei Jugendlichen zusammen- und dem Druck der Ältesten standhalten.

Mein Fazit:
Ich denke, dass viele diesen sehenswerten Film verpassen werden. Dabei erinnert er mich streckenweise ganz klar an „Die Welle“. Die Botschaft geht in eine ähnliche Richtung: Der Mensch wählt gern die Gesellschaft mit klaren Regeln statt selbst zu denken und seinen Emotionen nachzuspüren. Auch die Auswirkungen eines Regelbruchs sind ähnlich, schließlich werden Alte, Schwache und eben die Freigeister nach Anderswo und damit in den Tod geschickt. Ein Film, der zum Nachdenken anregt, auch wenn die Geschichte ein paar Schwächen hat. Fünf Sterne von mir.

Kategorie Kino, Kino+Theater
Tina
Autor

Tina liebt gute Geschichten und da vor allem interessante Lebensgeschichten. Deshalb liest sie viele Bücher, geht gern und oft ins Kino und studiert neben Job und Kindern Kulturwissenschaften (Literatur und Geschichte) in Teilzeit und aus der Ferne. Abgesehen davon mag sie entspannte Wochenenden mit den Kindern, Cappuccino mit Freunden und das Meer.

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