DVDKino+Theater

Film: „Die Fremde“ von Feo Aladağ

„Die Fremde“ ist ein Film, den man schnell in den falschen Hals bekommen kann. Als Beispiel für die extreme Art, den islamischen Glauben auf traditionelle Art zu leben, zeigt er das tragische Schicksal einer Frau, die ein selbstbestimmtes Leben führen und ihren Sohn ohne den Vater aufziehen will. Für ihre Familie ist das gesellschaftlich gesehen eine Katastrophe. Für sie ist es ein Kampf, der tödlich enden soll.

Rike  / pixelio.de
©Rike / pixelio.de

Inhalt: 
Umay wurde in Deutschland geboren, lebt aber mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Türkei. Weil sie ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben führen will, flieht Umay mit ihrem Sohn nach Deutschland zu ihren Eltern. Diese nehmen sie vorerst auf, geraten aber dadurch auch selbst in Schwierigkeiten. In der muslimischen Gemeinschaft gilt Umays Familie als entehrt

Deshalb soll Umay zurück zu ihrem Ehemann. Doch sie will nicht und auch er will die „Deutschhure“ nicht zurück, wohl aber den Sohn. Genau dagegen wehrt sich Umay mit Händen und Füßen und flieht letztendlich sogar vor ihrer Familie. Für Umay und ihren Sohn Cem führt die Odyssee in ein Frauenhaus, zur besten Freundin, in die Wohnung eines mehr als freundschaftlich verbundenen Arbeitskollegen und schließlich in die eigenen vier Wände.

Zur Ruhe kommen die beiden nirgends. Immer wieder wird sie von ihrer Familie aufgespürt. Allen voran ihr großer Bruder scheut dabei auch nicht vor Gewalt zurück und ihr Vater macht ihr immer wieder durch Worte und Taten klar, wo ihr Platz sein sollte und vor allem der ihres Sohnes. Doch auch wenn es immer wieder knapp wird, schafft es Umay, auch immer wieder sich und ihren Sohn zu retten.

Für die Familie hat Umays Verhalten schwerwiegende Folgen. Zum einen wird natürlich mehr oder weniger offen über die Familie geredet. Es werden Einladungen ausgeschlagen und sogar die Verlobung von Umays jüngerer Schwester gelöst. Diese muss aber heiraten, weil sie vom Bräutigam schon schwanger ist. Am Ende sieht der Vater keinen anderen Ausweg mehr, als seine Söhne mit dem Ehrenmord zu beauftragen. Der endet trauriger Weise nicht so wie geplant, sondern zerstört die Familie endgültig.

Meine Meinung:
Als alleinerziehende Mutter kennt man den Drahtseilakt, den Umay tanzt: Wieviel darf ich meinem Kind über die Gründe der Trennung und der Zurückweisung durch den Rest der Familie erzählen und wie? Doch Umay balanciert mit weitaus mehr Schwierigkeiten, als wir Deutsche uns vorstellen können – und wollten. Sicher gibt es auch bei uns Familien, in denen eine Trennung einem Hochverrat gleichkommt. Für traditionell gläubige Muslime wie Umays Familie hängt jedoch noch weitaus mehr dran.

Eine Frau hat bei ihrem Mann zu bleiben und dieser hat von der Eheschließung an das Recht, mit seiner Frau und seinen Kindern das zu tun, wonach ihm gerade ist. Das fängt bei kleinen Schikanen an und endet bei Sex und Gewalt. Inwieweit dies über zumutbare Verhältnisse hinaus geht, geht niemanden etwas an. Stattdessen gilt es, dies alles zum Wohle der gesamten Familie zu ertragen.

Umay erträgt es nicht und kämpft auch unter Einsatz ihres Lebens darum, ihren Sohn bei sich behalten zu dürfen. „Du bist mein Versagen als Vater“ bekommt sie dafür ins Gesicht gesagt, bevor die Tür demonstrativ vor ihr ins Schloss fällt. Es fällt dennoch auf, dass der Vater im Laufe der Geschichte gern anders handeln würde, aber nicht aus seiner Haut kann. Umay ist „die Fremde“ in der Familie, die alles zerstört hat und nun nicht mehr dazu gehört.

Bei all den Ablehnungen und Demütigungen ist der kleine Cem dabei. Ich möchte mir gar nicht vorstellen müssen, was in dem Kopf eines vielleicht vierjährigen Kindes vorgeht, dass immer wieder mitten in der Nacht an einen anderen Ort gebracht wird. Und zusehen muss, wie seine einzige Bezugsperson niedergemacht wird und irgendwann auch vor ihm kein Lächeln mehr wahren kann.

Hut ab übrigens für die schauspielerische Leistung von Sibel Kekilli. Ihr Gesicht ist stets zu einem sanftmütigen Lächeln bereit und man nimmt ihr die Powerfrau, die nie aufgibt und trotz allem die schönen Dinge sehen kann, leicht ab. Genauso allerdings auch ihre Verzweiflung und das Nur-nach-außen-hin-stark-sein.

Gewöhnungsbedürftig ist vor allem am Anfang der hohe Anteil türkischer Sprache mit Untertitel. Dieser macht die Geschichte jedoch authentischer und unterstreicht die Handlungen immer dann, wenn es um traditionelle Sichtweisen geht. Wird deutsch gesprochen, geht es auch in Umays Leben halbwegs so zu, wie wir es von Deutschland erwarten: Sie trägt kein Kopftuch. Sie flirtet, arbeitet, hat Freunde und führt ein selbstbestimmtes Leben.

Fazit:
Ja dieser Film zeigt die extreme Art und Weise, den islamischen Glauben zu leben. Frauen, die wie Umay entschieden haben, ihr Kind ohne den Mann großzuziehen und sogar noch einmal die Schulbank zu drücken, werden nicht toleriert. Im Gegenteil, sie entehren ihre Familie.

Natürlich kann man sich von „Die Fremde“ deshalb in allen Vorurteilen gegen den Islam bestätigt sehen. Natürlich kann man ihn auch als maßlos übertrieben beiseite schieben. Man kann sich diese Geschichte einer starken Frau mit ihrem Kampf für ein selbstbestimmtes Leben aber auch als „Einzelschicksal“ anschauen und mit ihr lieben, leiden, lachen und verzweifeln. Dann ist dieser Film mitreißend und absolut sehenswert.

Hinweis:
Bei arte.tv kann man den Film „Die Fremde“ noch bis zum 08. Juni 2014 online anschauen.

Tags
Zeig mir mehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ähnliche Artikel

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden More Info | Ok