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Selbstmord von Eltern: Ein gefährliches Tabu

„Wer sich umbringt, obwohl er Kinder hat, ist ein Arschloch!“ Solche Sätze las ich heute zu Hauf bei Twitter. Und mir wurde schlecht dabei. Denn es zeigt, warum Eltern immer perfekt funktionieren wollen. Und wie verpönt es ist, wenn sie genau das nicht schaffen.

Wenn du Kinder hast, trägst du Verantwortung. Du bist ihre Bezugsperson, an dir orientieren sie sich, bei dir finden sie Halt. Du zeigst ihnen, was im Leben wichtig ist, wie das Leben funktioniert.

Aber was, wenn du selbst gerade nur funktionierst? Und was, wenn selbst das nicht mehr geht? Wie sollst du Halt geben, wenn du selbst gerade über den Boden der Tatsachen schlingerst wie eine Nussschale auf hoher See bei Windstärke 9?

Nach außen hin bist du vielleicht die Ruhe selbst.

So wie ich bei der Beerdigung meiner Oma. Meine Cousine sagte später, sie hätte erwartet, dass ich darüber zusammenbreche. Weil wir uns doch so nahe gestanden hätten. Stattdessen war ich unglaublich ruhig, beinahe gelassen. Nur sehr still.

Was sie nicht wusste: Ich war innerlich schon zu Staub zerfallen. Schon vor dem Tod meiner Oma. Denn ich steckte in einer Beziehungskrise, die so grotesk war, dass ich sie selbst nicht zu fassen bekam.

Der Mann an meiner Seite und ich – wir saßen nebeneinander und ertrugen doch die Berührung des anderen nicht mehr. Und das, obwohl wir gerade zum zweiten Mal Eltern geworden waren.

Unser Sohn war perfekt.

Der kleine Kerl kam leichter als seine Schwester zur Welt. Er war pflegeleicht, sah aus wie ein Baby aus dem Bilderbuch und ich hatte genug Milch für ihn. Er himmelte mich an und seine Schwester war verzückt und himmelte ihn an.

Aber ich war kaputt. Denn ich sah ihn an und fühlte – nichts. Ich war so leer, dass selbst der Tod meiner geliebten Oma mich nicht mehr erreichte. Zwei Monate später starb die andere Oma. Und auch da war ich nach außen ruhig und innen leer.

Mehr als einmal dachte ich in dieser Zeit übers Schlussmachen nach. Ja auch mit der Beziehung. Aber eigentlich eher mit dem Leben. Der nächste Betonpfeiler auf der nahegelegenen Autobahn hatte eine magische Anziehungskraft.

Zu meinem Glück erschien mir das noch einen Hauch grotesker.

Grotesker als weiter zu machen. Grotesker als auszubrechen aus diesem nur nach außen so großen Familienglück mit zwei so perfekten Kindern. Grotesker als weit ab von diesem Betonpfeiler nach neuem Glück zu suchen.

Johannes Korten mag genauso innerlich zu Staub zerfallen zu sein. Wahrscheinlich war es bei ihm schlimmer. Er hatte weniger Glück und sah keinen anderen Ausweg. Vielleicht weil er immer für andere da war und so alle von seiner Traurigkeit ablenken konnte – nur nicht sich selbst.

Vielleicht machte er sie Welt für andere besser, weil es ihm bei seiner eigenen nicht gelingen wollte. Er war für so viele Menschen da. Aber für sich hat er als Mensch nicht mehr funktioniert. Auch nicht mit seinen Kindern. Oder für sie.

 

Wer sind wir, dass wir das verurteilen?

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