KinderkramLeben

Vereinbarkeit oder der viel zu klein geratene Hut

Familie, Freizeit und Beruf unter einem Hut – das ist es, was man landläufig unter Vereinbarkeit versteht. Und das, was man von Eltern bzw. vor allem von Müttern erwartet. Und vom System unserer Gesellschaft. Wer jetzt ein leise, verbittert oder auch lauthals gelacht hat, kennt den Hut unter den das alles passen soll. Den Hut, der für alles zu klein ist. Und den Vereinbarer oft genug passend machen (müssen).

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©w.r.wagner / pixelio.de

Aber schauen wir uns diese Vereinbarkeit doch mal an meinem Beispiel an: Ich bin Mitte 30, alleinerziehend und arbeite in Vollzeit. Meine Kinder sind 5 und 7 Jahre alt, also eins im Kindergarten und eins in der Schule. Freunde hab ich auch und ab und zu sogar Freizeit. Die dann vielleicht sogar noch für den Verein draufgeht. Alles in allem also recht viel für einen einzigen Hut.

Vereinbarkeit und Beruf:

Ich habe bei beiden Kindern eine Elternzeit von 12 Monaten genommen. Beim ersten war ich davor, beim zweiten danach arbeitslos. Das ist in Zeiten von befristeten Verträgen, Schichtdienst und allgemeinem Arbeitsplatzmangel nichts Ungewöhnliches. So kam es dann auch, dass ich als Diplom-BWLer nach Kind 1 im Callcenter landete. Und nach Kind 2 fast ein Jahr brauchte, um überhaupt wieder eine Stelle zu finden.

Dass ich jetzt Vollzeit arbeiten gehen kann, verdanke ich meinem Aufgabengebiet und einem aufgeschlossenen Chef: Online-Marketing geht auch von Zuhause aus. Deshalb kann ich entsprechend der Öffnungszeiten von Kita und Hort pünktlich Feierabend machen und meine 40 h/Woche vom heimischen Rechner aus komplettieren.

Vereinbarkeit und Familie:

Trotzdem ist es jeden Tag die pure Hetzerei. Stau auf dem Weg zu Kita oder Schule und der Alltag rutscht aus der Fassung. Zum einen sind da die Zusatzkosten für die Betreuung über den üblichen Stundensatz und die Öffnungszeiten hinaus. Zum anderen das schlechte Gewissen, weil die Kinder sowieso schon immer zu den letzten gehören, die nachmittags abgeholt werden. Oder das schlechte Gewissen, weil man zu spät zur Arbeit kommt.

Abgesehen davon wollen und sollen Kinder ja auch außerhalb von Schule und Kindergarten ihre Freizeit aktiv gestalten dürfen. Also pro Kind wenigstens ein Verein mit mindestens einmal Training pro Woche und einigen Events im Jahr. Blöd nur, wenn man die Auswahl dieser Freizeitaktivitäten von Geldbeutel und Trainingszeiten abhängig machen muss. Fußballspielen im Verein für den Junior? Sorry, aber halb 3 bin ich noch auf Arbeit. Also eben Handball für den Knirps.

Vereinbarkeit und Freizeit mit Kind:

Freizeit, das ist das, was für uns drei zwischen Schule/Kita/Arbeit und Schlafengehen übrig bleibt. Abzüglich Haushalt, Logopädie und Arztterminen. Ein erbärmlicher Zeitrahmen, wie man sich vorstellen kann. Zeit für uns drei gibt es also am Wochenende. Der perfekte freie tag geht für meine Kids mit Fernsehen los. Weil sie es unter der Woche kaum dürfen. Und damit ich meine Augen noch ein bisschen länger zumachen darf.

Dann steht mindestens ein Spielplatz auf dem Programm, Wunschessen zum Mittag, Freunde oder Großeltern besuchen und Wohnung aufräumen und wieder verwüsten. Oft steht auch noch Kultur an, wenn unser Verein selbst etwas veranstaltet. Oder oben genannte Vereine Termine für Vereinsfeste und Auftritte dazwischen hauen.

Vereinbarkeit und Freizeit für mich:

Natürlich könnte ich diese Vereinsgeschichte einfach sein lassen, aus Zeitgründen die Vorstands- und Pressearbeit für Kunst und Kultur an den Nagel hängen. Ist schließlich ein Streßfaktor, aber eben ein positiver. Denn die Vereinsarbeit ist Seelenfutter für mich, weil es dort nur um schöne Dinge geht. Kunst und Kultur eben. Und um das geschriebene Wort, so wie hier beim Bloggen.

So richtig Freizeit nur für mich ist ein seltenes und wertvolles Gut. Diese freie Zeit ist selten lang genug, um überhaupt Abstand vom Alltagsgedöns zu bekommen. Sie passiert jeden Abend für ein paar Minuten bis Stunden, die andererseits vom Schlafkonto abgezogen werden. Und alle zwei Wochen für ein paar Stunden, wenn die Kids beim Papa sind. Manchmal reicht der Akku zum Ausgehen mit Freunden, manchmal nur zum Abhängen auf dem Sofa.

Mein Fazit:

Das Thema Vereinbarkeit ist ein alter Hut. Seit Jahren und Jahrzehnten klagen Eltern über eine beschissene Work-Life-Balance. Familie und Beruf zwängt das Leben in ein Korsett, das gefühlt immer enger geschnürt wird. Was dazu führt, dass immer irgendwas herausquillt, abgequetscht wird bis es abfällt.

Wenn man beim Hut bleiben will, so kann man gern alles hineinstopfen. Auch hier muss man quetschen, weil es den Hut nur in der zeitlichen Einheitsgröße von 24 h/Tag gibt und von finanziellen Nähten zusammengehalten wird, die vom Inhalt allzu oft überstrapaziert werden. Im Klartext heißt das einfach: Für Vereinbarkeit braucht es Geld und Zeit. Beides ist viel zu oft viel zu knapp.

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade #Vereinbarkeitsgeschichten vom Vereinbarkeitsblog.

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ommentare

  1. Danke dir für deine Einblicke!

    Die Branche Online Marketing bietet sich natürlich nahezu an – aber trotzdem ist es ganz schön .. naja, anstrengend? schwierig? fordern? .. wie auch immer wir das eben nennen wollen – das mit Kindern und Homeoffice und allem drum und dran zu stemmen. Und dann noch Freizeit – genau, und das Ding mit der Zeit für sich selbst.

    So ein 48hin24h Hut wäre was. Sollte mal wer erfinden….

    1. Hallo Sabrina,
      manchmal würde ich mich gern klonen oder teleportieren können
      Vor allem dann, wenn in Schule/Hort/Kindergarten Veranstaltungen zu unmöglichen Zeiten stattfinden, bei denen ich gern dabei wäre.

      Und ja, es ist anstrengend. Aber an welcher Stelle will man da Abstriche machen?

  2. Hallo Tulpentopf,
    ich bin bei Google+ auf deinen Beitrag gestoßen und er hat mich angesprochen. Mich würde interessieren, was du dir ganz konkret wünschst, damit es für dich manchmal einfacher ist. Was müsste passieren, damit du über mehr Zeit und Geld verfügst? Ideen? Ich recherchiere ein wenig für meine Webseite und ich würde mich sehr über deine Antwort freuen!
    Herzliche Grüße
    Cathrin

    1. Hallo Cathrin,
      Lösungen sind flexiblere Arbeitszeitsysteme und weg von der Beurteilung von Arbeitspensum nach Präsenz im Unternehmen. Alleinerziehende sind motiviert, den endlich ergatterten Job zu behalten, der genug Geld zum Leben abwirft UND eine gesunde Familienfreizeit ermöglicht. Gesund im Sinne von: weniger abgehetzt, mehr gemeinsame Zeit, mehr Zeit für aktive Freizeitgestaltung der Kinder UND der Mama / des Papas ohne die Kinder. Das macht Arbeitnehmer wesentlich ausgeglichener und leistungsfähiger.

      LG Tina

      1. Hallo Tina,
        danke dir für deine Antwort. Ich versuche, diese Worthülle „Vereinbarkeit“ für mich mit Leben zu füllen und am besten geht das mit persönlichen Meinungen. Flexiblere Arbeitszeit- und Anwesenheitsmodelle sind sehr konkrete Anliegen – und diesen Wunsch teilst du sicher mit vielen anderen…
        Nochmals danke und viele Grüße
        Cathrin

        1. Hallo Cathrin,
          nehmen wir mal an, ich würde 30 Stunden arbeiten, würde zwei Tage „voll gehen“ und an zwei Tagen dafür kürzer wegen der Trainingszeiten von Sportvereinen und hätte den fünften Tag flexibel, könnte also später kommen oder eher gehen oder Über-Stunden aufbauen. Ich wäre wesentlich entspannter, motivierter und wahrscheinlich produktiver als jetzt.

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