KinderkramLeben

Kinder, die nichts leisten müssen

Es ist schon ein krasses Ding: Erst schaut man dich dumm an, wenn du dein Baby nicht zum Schwimmen, Krabbeln, Knuddeln schleifst und vier, fünf Jahre später soll das arme Kind dann nichts mehr machen müssen. Die Betonung liegt hier auf dem Müssen. Das Kind soll es gut haben, am besten besser als wir Eltern jemals. Und deshalb darf es sich nicht anstrengen müssen. Oder gar spüren müssen, wie sich Verlieren anfühlt. Ich finde das schlimm.

©Rike/ <a href="http://www.pixelio.de/media/413136" target="_blank">pixelio.de</a>
©Rike/ pixelio.de

Letzte Woche hatten wir das halbjährliche Elterngespräch mit der Lehrerin vom Tochterkind. Es war schön zu hören, dass sie sich schulisch und zwischenmenschlich gerade sehr normal verhält und eigentlich sogar einen richtig guten (Noten-)Lauf hat. Die Lehrerin wies aber auch noch einmal darauf hin, dass mindestens bei den benoteten Arbeiten eine Berichtigung fällig sei. Ja warum denn auch nicht? Aber es klang wie eine Beschwichtigung und fast schon entschuldigend.

Beim Thema Klassenausflüge dann erneut ein vorsichtiges Rechtfertigen ihrer Entscheidung. Der Wildpark wäre wirklich schön, aber das Personal dort alles andere als besucherfreundlich. Und ins Gewandhaus wolle sie auch nicht mehr, da die Kinder vor lauter Essensgeräuschen der anderen Klassen kaum was vom Konzert mitbekommen hätten. Ich sah der Lehrerin an, dass sie sich bei all diesen Themen auf eine Diskussion eingestellt hatte. Aber wozu, wenn ihre angebotenen Alternativen wirklich gut sind?

Ebenfalls letzte Woche flatterte ein Info-Blatt vom Sportverein des Juniors ins Haus. Man wolle das Training jetzt immer mit einem kleinen Mannschaftsspiel beenden. Die Eltern sollten sich also nicht wundern, wenn ihr Kind hinterher verheult aus dem Training kommt. Verlieren gehöre bei Handball, Fußball und co. nun mal dazu und man wolle die Knirpse ja auch bald auf den Wettkampfbetrieb loslassen. Ja genau, das war doch das Ziel oder nicht?

Und dann ist da noch der diesjährige Kindertag. Der Tag, an dem die Kindergartenkinder seit mehr als 8 Jahren für Eltern und Familie etwas einstudieren und dann alle gemeinsam mit Picknick, Musik und Rumtoben feiern. In diesem Jahr haben die Kinder auch etwas einstudiert. Aber das wird an einem anderen Tag aufgeführt. (Wo eine der Mütter gleich fragte, ob man das nicht noch verschieben könne, weil ihr Spross da immer Schwimmstunde hätte. Aber das nur am Rande.)

Denn die Kinder sollen am Kindertag, also an ihrem Feiertag nichts leisten müssen. Dieser Beschluss wurde nicht etwa von den Erzieherinnen gefasst. Oder von den Kindern, die es vor lauter Aufregung nicht schaffen, Details der Aufführung für sich zu behalten. Nein, es sind die Eltern, die beim Elternabend forderten, dass man die Kinder doch am Kindertag einfach nur feiern lassen sollte.

Fasst man alles zusammen, sollen Kinder also alles bekommen, aber ja nichts leisten müssen. Steile These? Ich denke nicht. Wenn es beim Ausflug mit der Klasse nur darum geht, dass das Ausflugsziel schick und angesagt ist. Wenn eine Lehrerin sich fast schon dafür entschuldigt, dass die Kinder ihre Fehler berichtigen sollen. Wenn beim Training für eine Mannschaftssportart bloß kein Mannschaftsspiel stattfinden soll, damit ja kein Kind verliert. Und sich Kinder bei einer Party mit den Eltern bloß nicht anstrengen sollen.

Und ich frage mich, warum? Wer in einen kleineren Tierpark fährt, kann sich vielleicht besser auf das einzelne Tier konzentrieren. Wer seine Fehler berichtigen muss, setzt sich damit auseinander, wie etwas richtig geht. Wer im Training lernt, dass von einer Niederlage die Welt nicht untergeht, ist im Wettkampf ein besserer Verlierer. Und wer seinen Eltern zeigen kann, was er mit anderen gemeinsam vorbereitet und einstudiert hat, ist zu Recht stolz auf sich und genießt die Anerkennung.

Wann, wenn nicht als Kind lernt man denn solche Dinge am Besten? Selbst wenn man sich verhaspelt, stolpert oder fällt, gibt es am Ende immer Applaus. Oder eine tröstende Umarmung. Oder das Wissen, dass es beim nächsten Mal besser laufen kann. Und die Erfahrung, dass man im kleineren Rahmen manchmal mehr von schöner Musik und interessanten Tieren hat.

Wenn ich mir ansehe, wie verzweifelt meine Kinder sind, wenn sie sich vermalt, verschrieben, verrechnet haben. Tja, dann möchte ich das nicht erleben, wenn sie als Halbwüchsige im Praktikum, in der Ausbildung oder im Studium mit unserer Leistungsgesellschaft kollidieren. Wenn mir da jemand vorwerfen will, dass „Abhärten“ doch kaum der richtige Weg sein kann – ja, was denn dann? Dieses bloß nichts leisten müssen?

Ist dieses altmodische Abhärten nicht eher ein Selbstbewusstseinstärken, wenn man den Kindern jetzt schon Mühen, Niederlagen und Abstriche beim Wünscheerfüllen zutraut. Andere würden sagen, zumutet. Meinetwegen, nennt es wie ihr wollt. Aber beschwert euch dann nicht über den verdutzten Azubi, der scheinbar zum ersten Mal in seinem Leben kritisiert wird. Wundert euch nicht über Studienabbrecher, die meinen, es könne ja nicht das richtige Fach sein, nur weil man mal eine Klausur in den Sand gesetzt hat.

Und bitte, wundert euch dann auch nicht, wenn immer mehr kleine Vereine das Handtuch werfen. Sie tun das, weil alle Welt scheinbar Kunst und Kultur nur noch im großen Rahmen für wertvoll hält. Und weil der Nachwuchs immer öfter einfach die Sportart wechselt, wenn er beim Training oder im Freundschaftsspiel bzw. Turnier zwei, drei mal verloren hat.

Unsere Kinder sollen immer zu den Gewinnern gehören, aber nichts leisten müssen. Wir wollen ja nur das Beste fürs Kind. Und von den Kindern nur die Besten. Aber nur wer weiß, was Verlieren heißt, ist ein guter Gewinner. Weil er auch weiß, dass eben nicht jeder kann, was er da gerade geleistet hat. Und seinen selbst erarbeiteten Erfolg wert zu schätzen weiß. Warum gönnen wir unseren Kindern diese Wertschätzung ihrer eigenen Leistung immer weniger? Sie können es doch!

Tags
Zeig mir mehr

ommentare

  1. Hallo,

    ich verstehe, was Du meinst, mich stört ein Phänomen, das ein wenig anders gelagert ist, aber in die gleiche Richtung geht, vielleicht sogar doch das Selbe ist, nur für eine andere Altersstufe.

    Ich stelle immer wieder fest, dass manche Personen von mir erwarten, dass ich verhindere, dass mein Kind negative Emotionen fühlt. Ich soll bitteschön etwas dagegen tun, dass es traurig, frustriert oder wütend ist oder irgendwie enttäuscht wird. Und da mein Kind erst drei ist, bedeutet das oft, dass ich Abstriche machen soll, damit mein Kind nie was negatives fühlt. Ich bin z.B. der Meinung, dass ein dreijähriges Kind nicht mit seinem Essen auf dem Tisch malen sollte oder es an der Wand verschmieren darf. Aber gewisse Leute sagen dann: „Lass sie doch, ist doch egal, das kannst du doch wegwischen.“ Ja, schön. Das kann ich dann wegwischen. Ich habe ja sonst nix zu tun und überhaupt ist das ja kein sozial erwünschtes Verhalten, dass man sein Essen manierlich vom Teller ist, möglichst ohne sich und sein Umfeld dabei zu verschmutzen. Oder ich treffe mit meinem Kind eine Abmachung und wenn es die nicht einhält, dann halte ich meinen Teil auch nicht ein „Ich habe gesagt, dass du einen Nachtisch bekommst, wenn du dein Essen vom Teller isst und nicht damit am Tisch oder an die Wand schmierst. Du hast Dein Essen an die Wand geschmiert, ich habe dich erinnert und du hast weiter gemacht. Jetzt gibt es keinen Nachtisch.“ Dann kommt: „Dafür ist sie doch noch viel zu klein, sowas wie eine Abmachung versteht sie nicht, wie kannst du nur so hart sein?“ Und ich frage mich dann: Wie soll sie jemals lernen, wie eine Abmachung funktioniert, wenn ich nicht irgendwann damit anfange mit ihr Abmachungen zu treffen. Natürlich müssen sie altersgemäß noch ziemlich einfach sein, indem beide ihren Teil ziemlich unmittelbar einbringen, darauf achte ich schon. Aber zusätzlich wird mir dann noch der Vorwurf gemacht, ich würde das Kind erpressen. Dabei betreffen Abmachungen von meiner Seite immer zusätzliche „Leistungen“ und nie den alltäglichen Bedarf des Kindes. Ich verstehe deshalb nicht, was es mit der Erpressung auf sich hat. Heißt das, ich muss dem Kind alles geben, was es möchte und es muss dafür selbst nie etwas tun oder unterlassen?

    Ich frage mich was dahinter steckt. Ich glaube einerseits hat es mit dem zu tun, was Du auch schon beschreibst: Wenn die Kinder negative Emotionen fühlen, dann ist das auch für die Eltern unangenehm, die Kinder tun einem dann leid und man fühlt sich selbst auch mit schlecht. Man leidet mit und man möchte ja nicht leiden. Deshalb sollen die Kinder möglichst auch nicht leiden. Dass es aber auf lange Sicht wichtig ist mit Frust, Trauer und Enttäuschung umzugehen, spielt dabei keine Rolle. Andererseits entdecke ich zuweilen, dass manche Menschen finden, dass jegliche Form von Regeln, die man dem Kind gegenüber etablieren will, und seien sie noch so sehr auf Sozialverträglichkeit und Kooperation angelegt, eine Unterdrückung des Kindes darstellen und man sich der systematischen Kindsdiskriminierung schuldig macht. Daher kommen solche Vorwürfe oft a) von Menschen, die selbst nicht hauptverantwortlich für Kinder zuständig sind oder gar keine Kinder haben oder b) von Eltern die Kinder haben, die mit einer beneidenswert kooperativen Persönlichkeit ausgestattet sind und nur äußerst selten zu Dickköpfigkeit, Sturheit und Egoismus neigen. Eine Gynäkologin im Krankenhaus sagte zu mir mal zu diesem Thema: „Am ekeligsten sind oft Mütter, die zwei unkomplizierte Kinder haben. Sie denken dann, dass sei alles ihrem optimalen Verhalten zu verdanken und gucken ohne jedes Mitgefühl auf Mütter herab, die weniger Glück haben.“
    Daher ergänzen wir uns da eigentlich ganz gut. Du fragst Dich, ob die Kinder nichts mehr leisten müssen und ich frage mich, ob die Kinder nichts mehr aushalten müssen?

    Das mit dem Abhärten habe ich dagegen selbst als Kind oft ganz anders erlebt. Meine Mutter war ein großer Fan von Abhärtung und das hieß, dass sie mir oft Gemeinheiten an den Kopf geworfen hat oder mich unfair behandelt hat, weil ich so lernen sollte damit umzugehen, dass in meinem Erwachsenendasein häufiger mal Menschen gemein zu mir sein werden oder ich unfair behandelt werde. Das würde ich persönlich mit meinem Kind nicht tun. Ich würde es nicht mobben, damit es darauf vorbereitet ist, dass es in der Schule/ im Job mal gemobbt werden könnte. Und ich glaube auch nicht, dass so eine Form der Abhärtung einem Kind irgendwelche Vorteile bringt. Es ist eben ein Unterschied, ob man ein Kind an ganz normale und auch gerechtfertigte gesellschaftliche Regeln und Herausforderungen gewöhnt, oder ob man es an Unterwerfung und einen niedrigen sozialen Wert gewöhnt. So ist es auch was anderes, ob ein Kind beim Vereinssport mal eine Niederlage einstecken muss, oder ob es wegen einer Niederlage vom Trainer angebrüllt und beleidigt wird. Deswegen tue ich mich persönlich mit dem Begriff „Abhärten“ etwas schwer, weil ich oft erlebt habe, dass fiese Mobber ihr Verhalten damit rechtfertigen ihre Opfer damit abzuhärten und ihnen ja eigentlich was Gutes tun und sie zu motivieren sich mehr anzustrengen.

    So viel von mir zu diesem Thema, ich bin froh, dass Du es angesprochen hast. Dein Artikel gefällt mir sehr gut und hat eine andere Perspektive für mich eröffnet.

    Liebste Grüße
    Esther

    1. Liebe Esther,
      ich habe ein gespaltenes Verhältnis zum Wort „Abhärten“. Oder besser gesagt, noch keine Definition dafür gefunden. Oder noch besser gesagt, ich habe gemerkt, dass es für jeden etwas anderes ist. Bei manchen Eltern ist es „Abhärten“, wenn mein Kind Niederlagen einstecken muss und ich bin gemein, wenn ich das nicht von ihm abwende. Mir tut diese Haltung von anderen Eltern immer dann weh, wenn die Trainer mit Niederlagen sachlich umgehen, Lehrer in der Schule bei schlechten Noten sagen; „Da hattest du wohl einen schlechten Tag.“ und Fehler beim Theaterstück durch Improvisation der Erzieher überspielt werden. Mir tut das also weh, wenn sich Leute (die ich mit der Betreuung und Förderung meines Kindes betraut habe) den Hintern aufreißen und dann Eltern ankommen und sagen, das wäre alles viel zu hart.

      Was du da schilderst erlebe ich oft bei Großeltern. Oder wenn wir Freunde besuchen. „Sei nicht so streng, ist doch alles aufregend hier“ oder aber, „Ach lass, das mach ich nachher weg“. Aber wehe, ich gebe mein Kind dort ab oder wir sind alle bei einer großen Veranstaltung oder Feier und mein Kind kann sich nicht benehmen, hat nicht gelernt, still zu sein und auf andere zu achten. Na dann ist aber was los. Im kleinen Rahmen soll man in Gegenwart anderer dauernd Kompromisse machen und Ausnahmen gewähren. Im Großen soll es dann aber bitte schön perfekt funktionieren. Das ist hirnrissig und unfair – dem Kind und dir als Mutter gegenüber.

      Liebe Grüße
      Tina

      1. Hallo Tina,

        ich verstehe sehr gut was Du meinst. Ich bin auch froh, wenn mein Kind von den Erzieherinnen auf eine Art betreut wird, die ich bemüht und sinnvoll finde und es würde alles schwieriger werden, wenn andere Eltern daran in der Art rummeckern würden, wie Du es beschreibst. Mein Kind ist erst ein 3/4 Jahr in der Kita und bisher lief alles sehr gut, sowohl mit den Erzieherinnen, wie auch mit den anderen Eltern und Kindern.
        Aber das was Du da berichtest, das sind wohl die Ursache für diese ganzen Comics und Sprüche bei Facebook, deren Tenor ist: „Früher haben die Kinder für schlechte Noten Ärger von ihren Eltern bekommen, heute bekommen dafür die Lehrer Ärger von den Eltern.“ Ich bin gegenüber diesen Comics immer zwiegespalten, weil es leider immer noch Lehrer und Lehrerinnen gibt, deren Didaktik äußerst zu Wünschen übrig lässt und dann finde ich es auch richtig, wenn die Eltern sich darüber beschweren. Die Didaktik der Mathematik hat beispielsweise in den vergangenen 10 Jahren immense Fortschritte gemacht und wenn ein Lehrer sich dann nicht fortbildet und immer noch auf eine Didaktik zurückgreift, die viele Kinder nicht erreicht und sogar demotiviert, dann würde ich mich auch beschweren.
        Aber wenn es nicht um fachlich oder didaktisch schlechte Leistung von Lehrern geht, sondern nur darum, dass man als Eltern nicht damit fertig wird, wenn die Kinder mal eine schlechte Leistung zeigen und das obwohl die Lehrer sich den Hintern aufreißen, das ist echt mies. Da hätte ich als Lehrer/Trainer/Erzieher echt das Gefühl mein Unterricht findet im Minenfeld statt. Und dann kann ich auch verstehen, warum diese Comics mit so einem Engagement geteilt werden. Es gab aber auch schon in meiner Kindheit Eltern, die immer 100 % zu ihren Kindern gehalten haben und niemals geglaubt haben, dass ihre herzallerliebsten Engel irgendein Fehlverhalten zeigen könnten und egal was vorfiel, immer waren andere Schuld, egal wie gemein oder fahrlässig sich ihr Kind verhalten hatte. Das war immer sehr schwierig mit diesen Eltern und mit ihren Kindern. Wir haben seit einigen Wochen ein neues Kind in der Kita und manchmal habe ich die Befürchtung die Mütter könnte in die Richtung gehen. Ich konnte beim Hinbringen oder Abholen mehrmals beobachten, dass ihr Kind andere Kinder anscheinend ohne Grund gehauen oder angespuckt hat und dann sagte sie jedes Mal: „Hört auf ihr beiden!“ und das betroffene Kind guckte dann immer wie ein Auto, weil es nichts getan hatte. Mal sehen wie sich das entwickelt.

        Liebe Grüße
        Esther

  2. Stimmt, es gibt immer überfürsorgliche Eltern und oftmals aber auch Lehrer, die ihre Lieblingsschüler haben oder ihren Frust und Unwillen an den Kindern auslassen. Das gesunde Maß fehlt oft auf beiden Seiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden More Info | Ok