Zukunftsangst: Wie soll Deutschland in fünf Jahren aussehen?

Zukunftsangst: Wie soll Deutschland in fünf Jahren aussehen?

Wenn man beim Thema Flüchtlinge nur noch Zahlen im Hunderter und Tausenderbereich zu hören bekommt, kann man schon Zukunftsangst bekommen. Wo soll das noch enden? Wo sollen die alle hin? Und packen wir das? Vor allem diese letzte Frage geht mir in den letzten Tagen nicht mehr aus dem Sinn.  Denn es geht ja genau jetzt um nichts weniger als den Grundstein dafür, wie Deutschland in ein paar Jahren aussehen soll.

©Tim Reckmann / <a href="http://www.pixelio.de/media/720229" target="_blank">pixelio.de</a>
©Tim Reckmann / pixelio.de

Ja, es sind viele Flüchtlinge, die da gerade nach Deutschland kommen. Menschen, deren Sprache, Verhalten und Werte uns fremd sind. Die dazu Dinge erlebt haben, die einen Menschen traumatisieren und zu aggressivem Verhalten verleiten können. Menschen am Ende ihrer Kräfte, bei denen ein kleiner Stups mit dem Finger reicht, um auch noch die letzte Hoffnung auszulöschen.

Klar werden da einige durchdrehen. Sich nehmen, was sie aus der schönen Werbewelt und den vollen Regalen unserer überdimensionierten Supermärkte kennen. Sich selbst oder andere bedrohen oder gar verletzen, weil sie nicht wissen, wohin mit ihrer Verzweiflung, ihrer Wut, mit sich selbst. Sich mitreißen lassen von religiösen Fanatikern, weil die vielleicht wieder einen Sinn schaffen können, in dem Wahnsinn, den sie durchlebt haben.

Aber nicht diese Menschen machen mir Angst, sondern die eigenen Leute. Denn weitaus mehr Deutsche zeigen sich dieser Tage fremdenfeindlich. Dabei rede ich nicht mal von den Pegida-Idioten. Sondern von Menschen, die nicht mit Pegida und schon gar nicht mit Nazis über einen Kamm geschoren werden wollen. Die einfach Zukunftsangst haben und deshalbpauschal und großzügig all jene als gefährliche Schmarotzer abstempeln, die ihnen nicht deutsch genug sind.

Ups, Moment, war da nicht mal was? Hieß es nicht schon einmal in unserer Geschichte, dass Vertreter einer Rasse oder Glaubensrichtung grundsätzlich nichts Gutes im Schilde führen können und die gutbürgerlichen Deutschen nur nach Strich und Faden überrennen und ausnehmen wollen. Unseren schönen Sozialstaat, über den wir im Normalfall auch nur Gründe zum Meckern und Motzen finden.

Aber ja, das gab es schon einmal. Und es ist heute wieder salonfähig, teilweise sogar richtig schick. Verbindet die Menschen in geselliger Runde wie früher noch das Rauchen. Wer in lockerer Runde auf Smalltalk aus ist, witzelt darüber, dass man letztens beinahe einen Asylbewerber überfahren hätte. Der meinte wohl, die mehrspurige Bundesstraße wäre ein Wanderweg. „Draufhalten, immer draufhalten!“ heißt es da schnell mal. Und wird kollektiv bekichert.

Und dann die Gerüchteküche. Gern virenschleudermäßig gepostet und geteilt im Internet. „Hab gehört, die Disco und die Cart-Rennbahn werden geschlossen und zu Flüchtlingsunterkünften umgebaut…“. Bei der Frage nach den Fakten wird man auf die allgemeine Lage verwiesen, will aber konkret schon von Vergewaltigungen durch Flüchtlinge aus der benachbarten Erstaufnahmeeinrichtung gehört haben. Und dass die bald kostenlos überall rein können. Eben in diese Disco und die Cart-Rennbahn.

Fragt man dann noch einmal nach Fakten, ist man „wohl eine von diesen da“. Gemeint ist: Eine von denen, die es begrüßt, dass vor allem junge Männer kommen, die ihr Land nicht verteidigen wollen. Die blind und taub ist für die vielen kriminellen Machenschaften, die seit dem Hereinbrechen der Flüchtlingswelle eindeutig und ganz bestimmt mehr geworden sind. Hört man doch überall.

Wirklich schlimm jedoch ist auch, dass man sich selbst bei alten Freunden inzwischen sehr vorsichtig an das Thema „Flüchtlinge“ herantastet.  Kann man mit dem Gegenüber, den man mag und schätzt, wirklich darüber reden? Oder bekommt man gleich Stammtischparolen um die Ohren gefeuert? Innerlich bettelt man schon vor der Antwort „Bitte nicht du auch noch!“.

Es wird immer deutlicher, dass Deutschland sich durch die Flüchtlinge verändert. Es wird wieder geteilt zwischen dem guten Deutschland und dem dummen oder gar bösen. Sachsen kommt dabei schlecht weg. Man könnte meinen, hier haben sich besonders viele Menschen noch nicht daran gewöhnt, dass sie jetzt zu den Leuten gehören, die für Bananen nicht mehr Schlange stehen müssen. Dass es jetzt andere Menschen sind, die sich auf der anderen Seite des Schaufensters die Nasen platt drücken.

Aber auch andere Bundesländer sind nur auf den ersten Blick voller weltoffener Menschen. Während sich die freiwilligen, ehrenamtlichen Helfer an Bahnhöfen versammeln, um den Flüchtlingen einen halbwegs menschenwürdigen Empfang zu bereiten, übersieht man leicht ein ausgeprägtes Territorialverhalten. Von Menschen, die sich „christlich“ und „sozial“ auf die Fahnen geschrieben haben. Die dazu schon so lange und so fest im politischen Sattel sitzen (vorzugsweise in Bayern), dass man von ihnen nichts anderes mehr erwartet.

Wenn also pauschalisierender Rassismus und dieses pseudowitzige Späße über Flüchtlinge jetzt schon so viel allgemeine Akzeptanz erfahren – wie soll Deutschland dann in fünf Jahren aussehen?

4 Kommentare

  1. Ich sehe es 100%ig wie du. Und der zunehmenden Hass im Volk macht auch mir viel mehr Angst als die Ungewissheit der Auswirkungen, die diese humanitäre Katastrophe mit sich bringen könnte. Der einzige Hoffnungsschimmer besteht darin, dass der Eindruck, den ich im Netz gewinne, vielleicht falsch ist und dass die Umfragen, die noch ein 50/50 Verhältnis bringen, auch wirklich den Tatsachen entsprechen. Wenigstens das.

    • Hallo Horst, ich befand mich letztens in so einer Diskussion über die Gerüchte um die Disco und fühlte mich regelrecht allein mit meiner Meinung. Aber dann kamen die ersten Likes unter meinen Kommentaren und das tat so unheimlich gut.Genau da liegt das Problem: Die Hetze bekommt momentan mehr Likes als die leisen Töne, die nach Fakten fragen und zur Besonnenheit aufrufen. Wahrscheinlich wissen all die Wutbürger nicht, wohin mit sich und ihrer Wut. An die Regierung kommen sie nicht ran, also treten sie nach unten (Flüchtlinge) und um sich (Landsleute).

  2. Da ich seit geraumer Zeit nicht mehr bei facebook zugegen bin, ist der ganze braune „Shitstorm“ zur Hälfte (bin ja noch bei twitter!) an mir vorbei gegangen. Ich hab mich im Zuge der ersten PE-,LE- und was auch immer GIDAS mit so vielen Leuten netztechnisch angelegt, das mir der ganze Rummel zu viel wurde. Was ich den meisten „Hatern“ einfach abspreche ist zum einen Empathie und zum anderen der normale Menschenverstand. Neben dem ganzen „Lügenpresse“-Gequatsche und den Verschwörungstheorien auf Kindergartenniveau hat der Großteil der „Wutbürger“ einfach nur eine ziemlich difuse Angst vorm (verzeih mir den Begriff) schwarzen Mann! Was mich dabei immer noch am meisten ärgert, ist die völlige Resistenz gegenüber rationalen oder gar logischen Argumenten, die ihre kleinliche Weltsicht ins Wanken bringen könnte. Selbst in der Familie hatte ich eine üble Disskusion über das Bild des ertrunken Flüchtlingskindes am Mittelmeer. „Das ist bestimmt wieder so ein Mitleids-Propagandamist der Lügenpresse, um die ach so armen Wirtschaftsflüchtlinge im guten Licht erscheinen zu lassen….“ ohne Worte!
    Ich kann die Gedankengänge solcher Menschen einfach nicht mehr nach vollziehen und will es ehrlich gesagt auch nicht.
    Ich hoffe, um mal beim Thema zu bleiben, das Deutschland in fünf Jahren seine demokratische und vor allem menschliche Mitte wieder gefunden hat. Allein der Glaube dazu fehlt mir momentan…

    PS: Tolle Webseite! Und einen DVD-Tip hab ich noch: „Birdman“..Grosses Kino.

    • Hallo Heiko,
      ich verfolge die Entwicklungen in Deutschland jeden Tag und mache mir meist auch noch die Arbeit, bei der ein oder anderen Meldung nach zweiten oder dritten Quellen zu forschen. Dazu hat nicht jeder Zeit und Nerven, was wirklich verständlich ist. Aber dann einfach nachzuplappern, was einem die lautesten Menschen eintrichtern wollen – das muss ich nicht verstehen. Und ich mag den lauten Wutbürgern auch nicht das Feld überlassen. Leider werden sie immer lauter, wenn man ihnen einfach Fragen stellt. Schade.

      Danke für deinen Kommentar und das Lob. Den „Birdman“ hatte ich schon im Visier. Nächste Woche geht es aber erstmal wieder ins Kino: Der Staat gegen Fritz Bauer.

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