Vom Scheitern und trotzdem Zufriedensein

Vom Scheitern und trotzdem Zufriedensein

Die Berufswünsche meiner Kinder wechseln täglich und richten sich nach den verrücktesten Kriterien. Mal berittene Polizei, mal Öko-Bauer, mal Roboter-Freak. Sobald sie was von „früh aufstehen“ oder „Kacke wegmachen“ hören, wollen sie was anderes werden. Ich für mich habe keine Ahnung mehr, was ich als Kind mal werden wollte. Ich weiß nur, dass es sicher nicht das war, was ich jetzt geworden bin. Und dabei geht es nicht nur um den Beruf.

©S. Hofschlaeger/ <a href="http://www.pixelio.de/media/85215" target="_blank">pixelio.de</a>
©S. Hofschlaeger/ pixelio.de

Seitdem ich mein erstes Gedicht verfasst hatte, gibt es Leute, die in mir die große Schriftstellerin sehen. Bei dem Gedanken, dass ich damit mein Geld verdienen müsste, wird mir allerdings noch heute schlecht. Kreativ werden unter Druck und damit dann auch noch den Lebensunterhalt absichern – geht gar nicht. Abgesehen davon erfuhr ich gleich nach dem Abi die Riesenernüchterung: Mehr als 90 Bewerbungen auf diverse Lehrstellen und niemand wollte mich. Für die einen überqualifiziert, für die anderen nicht gut genug.

Ich landete schließlich bei einer Versicherung im Außendienst. Es war von Anfang an klar, dass ich nicht dabei bleiben würde. Aber es hat mir trotzdem etwas gebracht. Ich lernte nämlich, dass Menschen nicht beißen. Also auch fremde nicht. Und dass ich mit meiner Art ziemlich gut ankomme. Ein Stups in die richtige Richtung für mein Selbstbewusstsein.

Nach der Lehre dann das Studium. BWL, damit die kaufmännische Lehre nicht ganz für den Allerwertesten war. Zwischendrin lockte das Journalismusstudium. So sehr, dass ich mich um Studienplätze in ganz Deutschland bewarb. Aber obwohl sogar Zusagen kamen, hatte ich nicht den Hintern in der Hose, mein Leben so sehr umzukrempeln. Oder etwas Angefangenes einfach abzubrechen.

Das ist übrigens genau der Punkt, an dem ich mir sehr oft selbst im Weg stehe.  Ich hänge mich zu lange an Menschen, die mir nicht gut tun. Ich verwerfe Ideen, weil ich sie für zu riskant halte oder weil ich gerade schon eine andere umsetze oder weil ich mich für nicht gut genug halte. Und so kommt es wohl auch, dass ich nicht den Job mache, den ich mir irgendwann mal erträumt habe. Oder in der Beziehung lebe, die ich mir für diesen Lebensabschnitt vorgenommen hatte. Oder meine Freizeit mit dem verbringe, was ich unbedingt schon immer mal ausprobieren wollte.

Mein Scheitern verursache ich also meistens ganz allein. Und ich bin prima darin, mir das stunden-, tage- und wochenlang unter die Nase zu reiben. Ich mache das manchmal sogar, weil mir andere sagen, dass ich gescheitert bin. Obwohl das vielleicht gar nicht stimmt. Denn wenn ich mir mein Leben so ansehe, bin ich trotz all der nicht verwirklichten „Projekte“ zufrieden. Aber ich brauche manchmal einen Stups in die richtige Richtung, um das auch zu sehen.

Ich habe einen Job, der mich von Ämtern unabhängig macht. Ich habe den Alltag mit meinen beiden Kindern im Griff. Unser Zuhause ist sicher nicht so gemütlich und aufgeräumt, wie ich es gern hätte (und meine Mama noch viel mehr). Aber auch wenn ich nach einem langen Tag zwischen Staubflusen zusammenbreche, den Papierkram auf dem Schreibtisch von der Tastatur runterschiebe (statt ihn ordentlich wegzuräumen) und den Junior zum fünften mal viel zu lang und zu laut diskutierend ins Bett bringe….Es geht uns gut.

Manchmal kommt es eben nur auf die Perspektive an. Mit jedem Mamameltdown verfluche ich mich und fühle mich wie ein Versager. Für meine Kinder bin ich trotzdem die beste Mama der Welt. Dass kein Mann an meiner Seite ist, der den Alltag mit mir teilt, sehen manche als Katastrophe an. Aber ich weiß auch, wie schlimm eine Beziehung voller Streit und Missgunst ist. Wenn ich mir ansehe, wofür ich beruflich Marketing mache, weiß ich, dass ich da nie hin wollte. Aber der Job bringt uns auch dieses Jahr ein paar Tage Auszeit an der Ostsee ein.

Manchmal wäre ich gern so flexibel wie meine Kinder bei ihrem Berufswunsch. Nein eigentlich immer. Frei nach dem Motto: Wenn das eine nicht passt, mache ich eben etwas anderes. Sie haben den Blick für die Alternativen viel öfter als ich. Was nicht heißt, dass sie es immer leicht wegstecken, wenn sie scheitern. Aber mit einem kleinen Stups in die richtige Richtung sind sie auch ganz schnell motiviert und ja, zufrieden.

Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade #geschichtenvomscheitern beim Große Köpfe Blog.

4 Kommentare

  1. Danke schön. Scheitern kann man ja auvh als Chance und prozess sehen. Verlinkst du es noch? Der inlinkz aufm blog ist wieder offen. Viele Grüße Alu

    • Hallo Alu,
      hab den Link soeben gesetzt.
      Manchmal fällt es schwer, die Chance zu sehen. Aber wenn, dann ist es ein tolles Gefühl.
      LG Tina

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