Katers Glück und Mutters Erschöpfung

Katers Glück und Mutters Erschöpfung

Sir Henry 2016 ©Tulpentopf
Sir Henry 2016 ©Tulpentopf

Des Katers Glück ist, wenn er noch ein Weilchen gut leben kann und darf. Wie wichtig dieser Sir Henry für uns alle ist, hat uns die letzte Woche gezeigt. Da ging es ihm nicht gut – und mir auch nicht. Aber das merkte ich erst später.

Er ist stolze siebzehn Jahre alt, ziemlich zerzaust und wird eigentlich nur bei meiner Tochter schwach – manchmal. Und so richtig ist auch da noch nicht geklärt, wer wen um den kleinen Finger wickelt. Die Rede ist von unserem Kater Sir Henry aka Opi aka „meiiiiiiiiiin Babyyyyyyyyy“ (Zitat Tochter).

Als ich ihn aus dem Tierheim holte, war er ein Jahr alt und ich Studentin. Vier mal ist er seitdem mit mir umgezogen, hat zwei Wohngemeinschaften, einen anderen Kater und unzählige laute Besucher überlebt. War mal Freigänger und mal Stubenkater.

Er hat mich gebissen. Er hat mit dem anderen Kater um die Wette gepinkelt (in der Wohnung natürlich) und dem Schwiegervater damals in die guten Schuhe. Er ist heimlich auf oder in den Kleiderschrank geschlichen. Und unweigerlich in unsere Herzen.

Sir Henry im Jahr 2002 ©Tulpentopf
Sir Henry im Jahr 2002 ©Tulpentopf

Jetzt ist er alt. Stolze siebzehn Jahre.

Im letzten Jahr wurde er immer dünner. Das Fell – schon immer anfällig fürs Verfilzen – struppiger, der Gang müder, das Schnarchen lauter. Dann hörte er auf, in seine Kratzbaumhöhle zu klettern. Und plötzlich war da Blut an den Pfoten.

Nun ließ sich der Tierarztbesuch nicht mehr vermeiden. Seit siebzehn Jahren purer Stress für Kater und Tierarzt. Es gab Zeiten, da packte dieser die großen Handschuhe aus, um sich vor dem empörten Kater zu schützen.

Diesmal war eher die Frage, ob der Tierarzt dem Opi-Kater noch helfen kann. Die Tochter weinte schon am Tag vorher Krokodilstränen und der Junior war seltsam still. Allein schon deshalb sagte ich klipp und klar, dass wir um unseren Henry (eigentlich Sir Henry) erst trauern, wenn er wirklich tot ist.

Dann der Tierarztbesuch und die Diagnose. Akutes Nierenleiden, trockene Haut, schlechte Zähne, eine eingewachsene Kralle und eine Wunde am Kinn. Wahrscheinlich selbst zugefügt. Daher das Blut an den Pfoten.

Alles in allem aber fit genug für ruhiges Weiterleben.

Sir Henry 2017 ©Tulpentopf
Sir Henry 2017 ©Tulpentopf

Die Kinder am Jubeln. Meine Tochter trug stolz den tapferen aber völlig fertigen Kater aus der Praxis ins Auto. Der Junior lobte überschwänglich den kleinen Helden des Tages. Und ich? Ich ließ mir mehr Zeit als nötig mit dem Einsteigen, damit die Kinder nichte sahen, wie fertig ich wegen all dem war.

Ich hatte versucht, den Kummer um den Kater nicht an mich heran zu lassen. Denn dieser Kater war mein Kater. Er ist mein Sir Henry. Er steht für siebzehn turbulente Jahre, in denen er immer irgendwie dabei war.

Der Gedanke ‚was wäre, wenn..‘.

Man lebt und funktioniert irgendwie. Man hält den Alltag am Laufen, tröstet, schlichtet, erzieht, arbeitet, liest, kuschelt, sorgt und macht immer weiter und weiter. Was also, wenn dieser Kater zu krank zum Weiterleben wäre?

Den Gedanken wollte ich nicht weiterspinnen. Allein schon wegen der Trauer der Kids. Das redete ich mir bis zu dem Moment ein, der mir die Tränen in die Augen trieb. Tränen der Erleichterung, dort vor der Tierarztpraxis. Erleichterung, dass MEINE Zeit mit diesem Kater noch nicht zu Ende ist.

Danke, alter Freund, fürs Durchhalten und Dasein. Immer noch.

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