Buch: „Im Labyrinth der Buchstaben“ von Karin Moering

Buch: „Im Labyrinth der Buchstaben“ von Karin Moering

Wenn man selbst nur zu gern in die Welt der geschriebenen Worte abtaucht, ist ein Leben ohne sie nur schwer vorstellbar. Wie also fühlt sich das an, wenn einem Bücher Angst machen, weil die Buchstaben darin einfach keinen Sinn ergeben wollen. Karin Moering kennt das Gefühl, weiß, wie man diese Schwäche versteckt und hat doch ihren Weg gefunden. Heute liest sie nicht nur Bücher, sondern hat dieses hier geschrieben.

"Im Labyrinth der Buchstaben" beim ©underDog Verlag
„Im Labyrinth der Buchstaben“ beim ©underDog Verlag

Zum Inhalt:
Karin „Kati“ Moering ist noch ganz klein, als die Eltern kurz vor dem Bau der Berliner Mauer in den Westen flüchten. Was sie ihr neues Zuhause nennen, ist für Karin und ihre Brüder ein fremder Ort. Besonders für Karin, die immer stiller wird. Daran ändert auch die Einschulung nichts. Eher im Gegenteil.

Denn Buchstaben werden schnell zu ihren Feinden. Statt sich beim Lesen und Schreiben zu sinnvollen Worten und Sätzen zusammenzufügen, zerbröseln sie vor ihren Augen. Die daraus folgenden schlechten Leistungen sind wie Wasser auf die Mühlen jener Leute, die eine Sonderschule gründen wollen. Eine Schule für Doofe, also Kinder wie Karin.

In dieser Schule werden die lernschwachen Schüler wie der letzte Dreck behandelt. Von neuen pädagogischen Methoden keine Spur, stattdessen alte Regeln und Häme von den Lehrern. Nach dem Motto: Ihr seid eh zu dumm, müsst euch gar nicht erst anstrengen. Von ihrer Familie erhält sie auch keine Unterstützung. Ihre Eltern schämen sich für die Tochter.

Mit 18 geht Karin als Hilfsarbeiterin nach Berlin. Sie lötet bei Siemens Elektronikteile zusammen, und bringt später Antennenteile zusammen. Dabei ist sie immer auf der Hut, dass niemand erfährt, wie „dumm“ sie ist. Sie umgeht nach Möglichkeit jede Gelegenheit, bei der sie lesen oder schreiben müsste. Doch sie will sich nicht damit abfinden.

Eines Tages fällt ihr ein Buch in die Hand. Sie kann es kaum glauben, aber plötzlich ergeben die Buchstaben Sinn. Von diesem Moment an kämpft sie sich durch die Zeilen. Was sie nicht versteht, schreibt sie ab. Und bringt sich auch dadurch das Schreiben bei.

Der Weg, den sie nun einschlägt ist mühsam. Sie macht neben dem Job ihren Hauptschulabschluss, beginnt ein Studium der Kunst und Therapie und kümmert sich zum Teil ehrenamtlich um alte Menschen. Das tief sitzende Gefühl, nichts zu können und nichts wert zu sein wird sie dabei nie los. Und steht sich oftmals selbst im Weg. Dabei hat sie so viel geschafft. Aus eigener Kraft.

Meine Meinung:
„Im Labyrinth der Buchstaben“ ist am Anfang eine Flüchtlingsgeschichte. Die Eltern „machen rüber“ bevor die Mauer in Berlin steht und die Grenzen dicht sind. Mit ihren wenigen Habseligkeiten landet die Familie in verschiedenen Auffanglagern und Flüchtlingsheimen. Doch auch in der dann eigenen Wohnung will kein Zuhause-Gefühl aufkommen.

Aus dem stillen Mädchen Kati wird der dumme Schandfleck der Familie. Weil sie auf der Sonderschule landet und selbst dort keine guten Ergebnisse schafft. Niemand fragt nach dem Warum, ihre Eltern sind überfordert. Nur Kati weiß, dass unter all den Gefühlen von Wertlosigkeit mehr in ihr ist, als das dumme Mädchen.

Doch irgendwann ist da ein Buch, dass sie entschlüsseln kann. Der Startschuss für eine bewundernswerte Laufbahn von der funktionalen Analphabetin zur Kunsttherapeutin. Und Autorin, denn „Im Labyrinth der Buchstaben“ hat Karin „Kati“ Moering selbst geschrieben.

Man merkt ihr die Liebe zur Sprache an. Ausdrucksstark erzählt sie von missgünstigen Lehrern, den nichtsahnenden Kollegen und Freunden und den Schwierigkeiten im Alltag. Auf die Tränendrüse drückt sie dabei nicht, aber man spürt die tief sitzende Angst, als Analphabetin entlarvt zu werden, auch so. Man sieht aber auch die immer stärker werdende Frau, die ihren eigenen, harten Weg findet – und dann auch erfolgreich geht.

Manch einem wird Karin Moerings Schreibstil nicht gefallen. Einige Aussagen über ihre Ängste wiederholen sich zwangsläufig, weil Angst und Minderwertigkeitsgefühle sich wie ein roter Faden durch ihr Leben ziehen. Hin und wieder werden Kleinigkeiten recht blumig beschrieben. Und manchmal wird es richtig philosophisch. Aber immer ohne Drama.

Mein Fazit:
„Im Labyrinth der Buchstaben“ wird wahrscheinlich nie für einen Buchpreis nominiert werden, bei dem es um feingeistige Sprache geht. Aber wer Karin Moering live und in Farbe begegnet (so wie ich auf der Leipziger Buchmesse 2016), kann kaum glauben, dass diese Frau nicht richtig lesen und schreiben konnte. Oder Angst vor Menschen hat und sich selbst für dumm halten könnte. So wird der in ihrem Buch beschriebene Lebensweg zum Plädoyer dafür, sich selbst nicht aufzugeben. Auch wenn andere es längst schon getan haben.

Infos zum Buch:
Titel: Im Labyrinth der Buchstaben: Ein Leben mit Legasthenie
Autorin: Karin „Kati“ Moering
Verlag: underDog Verlag
ISBN: 978-3981425741

Wenn man selbst nur zu gern in die Welt der geschriebenen Worte abtaucht, ist ein Leben ohne sie nur schwer vorstellbar. Wie also fühlt sich das an, wenn einem Bücher Angst machen, weil die Buchstaben darin einfach keinen Sinn ergeben wollen. Karin Moering kennt das Gefühl, weiß, wie man diese Schwäche versteckt und hat doch ihren Weg gefunden. Heute liest sie nicht nur Bücher, sondern hat dieses hier geschrieben. Zum Inhalt: Karin "Kati" Moering ist noch ganz klein, als die Eltern kurz vor dem Bau der Berliner Mauer in den Westen flüchten. Was sie ihr neues Zuhause nennen, ist für Karin…

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Bemerkens- werte Geschichte

"Im Labyrinth der Buchstaben" ist eine bemerkenswerte Lebensgeschichte. Um es gegen alle Widerstände von der funktionalen Analphabetin zur Buchautorin zu schaffen, gehören Mut und der Wille zum Wollen dazu. Das muss man erstmal durchhalten. Karin Moering hat es geschafft und schreibt mit Liebe zum ausdrucksstarken Wort aber ohne Drama über ihren Werdegang.

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