Buch: „180 Grad Meer“ von Sarah Kuttner

Buch: „180 Grad Meer“ von Sarah Kuttner

Wie lebt es sich, wenn man immer nur die Erwartungen anderer Leute erfüllt? Sogar dann, wenn eigentlich keine Erwartungen da sind. Was für eine Beziehung kann man zu einem Vater haben, zu dem man seit Jahren keinen Kontakt, aber von dem man einen ganzen Batzen Geld auf dem Konto hat? Und was passiert, wenn man etwas Neues probiert? An einem Ort mit viel Meer. 180 Grad Meer zum Beispiel.

"180 Grad Meer" von Sarah Kuttner bei @S. Fischer
„180 Grad Meer“ von Sarah Kuttner bei @S. Fischer

Zum Inhalt:
Jule mag ihren Job nicht. An drei Abenden die Woche steht sie in einer Bar und mimt die Souldiva, damit sich die Gäste gut fühlen. Sie selbst fühlt dabei wenig bis gar nichts. Genauso wie beim anschließenden Sex mit ihrem Chef in dessen Büro. Erst wenn sie zu ihrem Freund nach Hause kommt und sich dort in seiner Achselhöhle verkriechen kann – ja, dann ist sie irgendwie zufrieden.

Lange hält dieses Wohlgefühl jedoch nicht an. Zum einen, weil Jules Mutter es immer wieder schafft, aus jeder Mücke ein filmreifes Drama zu machen. Jedenfalls etwas, worüber sie stundenlang mit ihrer Tochter sprechen muss. Damit diese sich weiter für das Glück ihrer Mutter verantwortlich fühlt. Zum anderen erfährt Tim vom regelmäßigen Stelldichein zwischen Jule und ihrem Chef. Was er natürlich nicht einfach hinnimmt.

Jule verkriecht sich in London bei ihrem Bruder. Der stellt angenehm selten irgendwelche Fragen und weder seine Mitbewohner noch die Stadt selbst haben scheinbar irgendwelche Erwartungen an Jule. Ein Gefühl, dass sie so sehr selten erlebt und daher umso mehr zu schätzen weiß. Doch so ganz ohne Erwartungen und ohne Fragen bleibt es auch in London nicht. Denn Jakob hat Kontakt zum Vater, der die Kinder und deren depressive Mutter schon vor Jahren verließ. Und der Vater hat Krebs, von der Sorte, die die Lebenserwartung auf ein Jahr verkürzt.

Damit ist der Erwartungsdruck auf Jule plötzlich wieder extrem hoch. Doch haben sich Vater und Tochter überhaupt etwas zu sagen? Lohnt sich nach all den Jahren und mit dem bevorstehenden Tod des Vaters noch das Auflebenlassen alter Vertraulichkeiten? Gibt es überhaupt Gemeinsamkeiten zwischen Vater und Tochter, über die sich eine Beziehung aufbauen lässt?

Die Antwort sucht Jule dort, wo sie sich am wohlsten fühlt: An einem Ort am Meer. Sehr viel Meer. Mindestens 180 Grad Meer. Und näher dran am Vater als ihr vielleicht doch lieb ist.

Meine Meinung:
Schon mit „Mängelexemplar“ sprach mir Sarah Kuttner absatzweise aus der Seele. Und auch hier komme ich stellenweise aus dem zustimmenden Nicken nicht heraus. So zum Beispiel, wenn es um Erwartungen geht, die Jule unbedingt erfüllen will. Auch wenn sie sich diese Erwartungen nur einbildet und das Gegenüber überhaupt keine hat. Und bei der Feststellung, dass es wirklich wenige Orte gibt, an denen es keine Erwartungen gibt.

Aber das ist wohl die Folge davon, dass man sich selbst als Kind schon für andere verantwortlich fühlte. Und darin bestätigt wurde. Wieder und wieder und wieder. So wie Jule, die mehrfach den Selbstmordversuchen ihrer Mutter beiwohnen „durfte“ und die seitdem immer alles tut, damit es der Mutter gut geht. Was diese auch an der erwachsenen Jule fortzusetzen weiß.

Natürlich weiß Jule, dass ihre Mutter erwachsen und für sich selbst verantwortlich ist. Und dass sie selbst ihr eigenes Leben leben sollte. Und doch fällt sie immer wieder in das Schema zurück, weil eben wirklich niemand sonst da ist, der sich um die Dramen ihrer Mutter schert. Auf den Vater ist sie deswegen so wütend, dass sei sein Geld nicht anrührt. Bis zu dem Moment, wo ihr bisheriges Leben in sich zusammenfällt und die nächste große Entscheidung anklopft.

Da endlich nimmt sie sich das Recht heraus, dieses Geld für sich zu nutzen. Mit dem Effekt, endlich eine Weile zufrieden sein zu dürfen. Leider kann man in so einer Wattebauschwelt nicht für immer bleiben. Vor allem dann nicht, wenn man entscheiden muss, ob der leibliche Vater eine Rolle im Leben spielen soll oder nicht. Das Bild des Lieblingsortes am unverbauten Meer, auf das nicht mal die Sonne scheinen sollte, passt da ganz gut. Wer immer wütend ist, verträgt Weite sehr gut, aber kein Postkartenidyll.

Sarah Kuttner schreibt in „180 Grad Meer“ wieder so, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Das liest sich gut und authentisch weg. Nur hin und wieder schleicht sich ein Satzkonstrukt ein, dass verwirrt. So in sich verschachtelt sind dann die einzelnen Sätze, dass ich sie zwei, drei mal lesen musste, um Sinn hinein zu bekommen. Man braucht also einen gewissen Grad Wachheit, um dieses buch zu lesen. Aber es lohnt sich.

Mein Fazit:
„180 Grad Meer“ ist eine schöne Vorstellung, wenn man den Kopf frei bekommen will. Unverstellter Blick auf einen Horizont, der so weit wie breit ist. Er steht im krassen Widerspruch zum Innenleben der Protagonistin, die in jeder Situation mit den eigenen und fremden Erwartungen zusammenprallt. Erwartungen, die wütend machen, weil sie von wichtigen Menschen in den Raum gestellt werden. Daraus ergibt sich Stoff für viel menschliches Zweifeln, unverständliches Handeln und (un)gewollte Verletzungen. Und trotzdem ergibt es irgendwie doch wieder Sinn. Wenn man sich und Jule das unperfekte Menschsein zugesteht.

Infos zum Buch:
Titel: 180 Grad Meer
Autorin: Sarah Kuttner
Verlag: S. Fischer
ISBN: 978-3-10-002494-7

Wie lebt es sich, wenn man immer nur die Erwartungen anderer Leute erfüllt? Sogar dann, wenn eigentlich keine Erwartungen da sind. Was für eine Beziehung kann man zu einem Vater haben, zu dem man seit Jahren keinen Kontakt, aber von dem man einen ganzen Batzen Geld auf dem Konto hat? Und was passiert, wenn man etwas Neues probiert? An einem Ort mit viel Meer. 180 Grad Meer zum Beispiel. Zum Inhalt: Jule mag ihren Job nicht. An drei Abenden die Woche steht sie in einer Bar und mimt die Souldiva, damit sich die Gäste gut fühlen. Sie selbst fühlt dabei…

Bewertung

Geschichte
Umsetzung
Sprache

Lesens-wert!

Sarah Kuttners Hauptfigur ist herrlich verkorkst. Das klingt erstmal fies, denn Jule hat es zwischen depressiver Mutter und abwesendem Vater nie leicht gehabt. Zudem kommt sie bis heute nicht mit den Erwartungen klar, die von wem auch immer an sie gestellt werden. Aber gerade das ist so herrlich normal, so herrlich unperfekt, so wunderbar menschlich, dass ich gern in Jules Verschrobenheit abtauchte. Sehr gern.

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