Liebe abseits vom Schönheitsideal

Liebe abseits vom Schönheitsideal

Eigentlich hat ja jeder irgendwie ein Beuteschema bei der Partnerwahl. Das muss nicht dem allgemein gültigen Schönheitsideal entsprechen, aber irgendetwas muss schon dran sein an dem Menschen, was man attraktiv findet. Manchmal allerdings fällt die Liebe auf einen Menschen, den man bei der bewussten Partnersuche komplett ausgeklammert hätte.

Eine Bitte vorweg. Dieser Text ist sehr persönlich. Geht behutsam damit um.

Wie ihr vielleicht wisst, treibe ich mich auch auf Twitter rum. An manchen Tagen lese ich da einfach nur mit. An anderen lasse ich meinen ganzen Kopfmüll dort, ohne andere zu lesen. Und dann gibt es Tage, da schreibt jemand etwas, dass mich umhaut. So wie das hier:

 

Bei diesem Tweet machte es kurz Bäm! und ich hatte einen Flashback, der sich gewaschen hatte. Er warf mich zurück in eine verrückte Zeit, als ich zwischen Berlin, Schwerin und der Heimat pendelte. Als mir allein schon vom Job her ständig neue Leute über den Weg liefen. Die meisten sah ich nie wieder. Ein paar blieben eine Zeit lang ein Teil meines Lebens.

Und einer wird wohl für immer einen Sonderstatus haben. Auch wenn er nicht mehr in meinem Leben ist. Und mich unter normalen Umständen nicht die Bohne interessiert hätte. Zum einen, weil ich damals auf alles aus war, nur nicht auf eine feste Beziehung. Zum anderen weil er so gar nicht in mein Beuteschema gepasst hat.

Also rein äußerlich zumindest. Zu groß für mich und in allem zu rund. Vom Gesicht, von der Figur, von der ganzen Art her. Dazu ein seltsamer Bürstenhaarschnitt, den man nicht als Frisur bezeichnen konnte. Und ein Lachen, dass bestenfalls niedlich war. Ganz sicher also kein Beziehungsmaterial.

Aber. Und dieses Aber ist groß. 

Irgendwie war er immer da, wenn ein Typ von der Sorte Beziehungsmaterial angetrottet kam und nicht wusste, wie er es anpacken sollte. Amüsiert beobachtete er, wie sie sich in Komplimenten versuchten oder was man halt so tut, um ein Mädel zu beeindrucken. Das war das erste Etwas, das uns miteinander verband.

Bald schon reichte ein Blick und wir amüsierten uns im Stillen gemeinsam. Und irgendwie reichte auch bald schon ein Blick von mir und er wusste, wann mir nicht nach Amüsieren war. Manchmal sogar, bevor ich das selbst merkte. Dann reichte ein simples: „Hey Tina, alles klar?“ und zog mir den Boden unter den Füßen weg.

Es war dann nicht nötig, darüber zu reden. Und auch wenn ich bald schon das Anlehnen genoss, wäre seine pure Anwesenheit genug gewesen, um mich wieder auf die Füße zu stellen. Ich muss niemandem erzählen, wie wertvoll so ein Mensch ist.

Einer, mit dem man Schweigen kann. Einer, der dir mit einem Blick und einer wissenden Geste den Spiegel vorhält und dir zeigt, wie kaputt du bist. Und dir zu verstehen gibt, dass du genau jetzt nicht die schöne heile Welt herbei schauspielern musst. Und der für dich da ist, um dich wieder zusammen zu setzen.

Um es kurz zu machen: Es wurde nichts „richtiges“ aus uns. Und das lag nicht an mir. Oder vielleicht doch. Denn er kannte mich gut genug, um zu wissen, dass ich in einer Beziehung mehr Freiraum bräuchte, als es ihm gut tun würde. (Nein ich rede nicht von einer offenen Beziehung. Nur von mehr Bedürfnis nach Zweisamkeit.) Und da war noch etwas, über dass ich hier nicht sprechen will.

Aber es hatte nichts mit seinem Äußeren zu tun. Nichts mit Zweifeln, wie wir als Paar aussehen würden. Die Frage, ob ich ihn begehren könnte, hatten wir ausreichend mit Ja beantwortet. Aber es sollte nicht sein. Und ich hatte lange daran zu knabbern.

Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Es ist Jahre her, dass wir miteinander telefonierten. Und auch das war nur einmal in mehr als 10 Jahren. Er hat eine Familie gegründet und ich auch. Keine Ahnung wieviel Erfolg er dabei hat(te). Meiner ist bekannt.

Aber noch heute weiß ich, wann er Geburtstag hat. Ich weiß noch, welches Auto er fuhr, wie sich seine Hand anfühlte. Und ich vermisse sein „Hey Tina, alles klar?“ in meinem Leben. Da wär es piepegal, wie er heute aussieht: Er müsste schon eine Menge Mist machen, dass ich ihm widerstehen könnte.

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